- Auszug -
Das Schweigen legte sich über alles. Georg hatte bis dahin nie gedacht, dass Stille so spürbar sein kann. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Aber auch sonst verhielten sie sich betont ruhig. Beide. Bettina und er.
„Keiner wollte dem anderen eine Angriffsfläche bieten“, erzählte er Christa, als sie wieder einmal für sich allein waren in Christas Kneipe. Sie war zur Ablösung gekommen und gerieten ins Plaudern …
„Du hattest doch mal so eine Beziehung“, hatte sie ihn gefragt und etwas hintergründig gelächelt. In der Tat hatten er und Bettina sich hier kennen gelernt vor nun schon drei Jahren und Christa hatte das beobachtet.
Dabei war es schon seltsam damals, eigentlich kann man nicht davon sprechen, dass es zwischen Bettina und ihm gefunkt hätte, obwohl sie selbst das immer wieder behauptete. Bis zum Schluss. Trotz allem.
In unserm Alter funkt es nicht mehr, kommentierte er da nur lächelnd...
So lernten sie sich kennen:
Es gab eine Party, und er half Christa beim Ausschank für eine Betriebsfeier und Bettina war in diesem Betrieb eine so genannte Schreibkraft im Büro. Ansonsten gab es nur Männer, Maler und irgendwann waren fast alle betrunken, bis auf die Schreibkraft Bettina.
Es sind immer Momente in unserem Leben, an die wir uns erinnern und da war so ein Satz des Malermeisters in den Raum gebrüllt:
„Spaß muss sein, sprach Wallenstein – und schob die Eier gleich mit rein!“
Alle brüllten, ja johlten, bis auf drei Personen, die nüchtern waren. Bettina, Georg und Christa. Christa lachte zwar, aber eher spöttisch über diesen Haufen Männer, Georg blieb ernst, denn solche Sprüche fand er nie lustig, sogar nicht, als er früher selbst auf dem Bau war.
Ja, und Bettina sah ihn an, sie sah ihn auf eine spezielle Art an, fast fiebrig, beschwörend, nun lach du nicht auch noch, beschwor ihr Blick, bei so einem Scheiß. Und er erwiderte den Blick, nein über so einen Scheiß lache ich nicht… mit dem Erfolg, dass Bettina am Ende des Abends allein bei ihm am Tresen saß und sie redeten und redeten. Das war halt so ein Moment, genau genommen zwischen drei Personen, denn Christa sah und verstand alles. Christa hatte er später nach Hause geschickt, die trunkenen Männer waren auch heim gewankt… da war es nur noch eine Sache zwischen zwei Personen… wer kennt das nicht, einen langen Abend, der sich zu einer langen Nacht streckt, an dem sich zwei Menschen quasi ihr Leben erzählen?
Bettina begann Wein zu trinken und zwar viel Wein. Und Georg dachte, sie ist eine immer noch schöne Frau, die eine erwachsene Tochter hat, welche neuerdings bei sich einen Liebsten schlafen lässt, und diese immer noch schöne Frau Bettina mag den Schwiegersohn nicht, so etwas gibt es…
Es dämmerte bereits, als sie ihr Gespräch beendeten - und die U-Bahn fuhr nicht mehr. Er bot ihr galant an, bei ihm zu schlafen in dieser späten Sommernacht. Er hatte gar keine Gedanken dabei, welche manche so Hintergedanken nennen – und bereitete ihr ein Bett auf der Couch. Sie war weinselig, er lag im anderen Zimmer und wollte gerade einschlafen, da rief sie ihn, er möge kommen… er humpelte zu ihr und sie sah ihn mit glühenden Augen an,
„Weißt du, wir beide sind seelenverwandt“, flüsterte sie, „gute Nacht, du Lieber“. Er humpelte zurück zu seinem Bett und hatte immer noch keine Hintergedanken, oder wie das heißt...
Zwei Wochen danach, erzählte er Christa nebenbei:
„Die Bettina lebt jetzt bei mir“, „Wer ist Bettina?“ fragte Christa, „Na, die Frau neulich bei der Party der Maler“, „Ach die, schöne Frau, viel Glück für euch, du machst doch hier weiter, oder?“, „Aber natürlich, und gern“… da lächelte Christa nur, „So, so.“
Georg erzählte auch in den folgenden Wochen nichts von Bettina, nichts zu Christa, wozu auch…
doch er fühlte sich der Zuneigung Bettinas, die unübersehbar war, irgendwie verpflichtet.
Es dauerte vier Wochen, ehe Bettina und er das erste Mal Sex hatten. Das lief nicht gut, Bettina gab sich anfangs sehr leidenschaftlich, aber irgendwie hielt sie plötzlich inne, als begann sie ihn zu beobachten wie eine Kontrolleurin der Leidenschaft, er verstand das nicht… das zweite Mal gelang es besser, da waren sie schon fast zwei Monate zusammen, aber da geschah etwas eigenartiges, er ging nach dem Akt auf Toilette, kam zurück und legte sich neben sie, um sie in den Arm zu nehmen, da hörte er plötzlich ihre dunkle Stimme wie gequetscht:
„Na hast du deinen Dreck abgeladen, da musstest du gleich aufs Klo, stimmst?“
Das war wie eine Stimme im Wald, wenn man sich verirrt, so fremd vom eigentlich Bekannten…
„He, he“, sagte er nur, legte sich auf die Seite und schlief ein, ohne Bettina weiter zu beachten, dort im Dunklen, geschweige denn sie zu umarmen.
Von da an stand eine Scheu zwischen ihnen wie eine unsichtbare Wand aus unausgesprochenen Worten.
Zuerst redeten sie noch so, als wäre nichts geschehen, aber abends im Bett, hielt er sie kurz im Arm, drückte sie noch einmal, gab ihr einen Kuss und sagte.
„Gute Nacht, schlaf schön“, hörte: „du auch“ - und das war ‘s.
Sie redeten am Tag über Gott und die Welt, lachten, gingen mehrmals aus wie ein Paar eben – aber hatten keinen Sex mehr… Georg sah keinen Grund zu einer Initiative, Bettina aber wurde immer unzufriedener über diese scheinbare Normalität… er begann sich zu fühlen wie ein Soldat im Krieg, der sich auf verminten Boden bewegt und besonders vorsichtig auftritt… Bettina fragte, was so sei mit ihm, und er antwortete, nichts… und versuchte an der scheinbaren Normalität festzuhalten… aber sie hatten keinen Sex, nur diese seltsame Zeremonie am Abend vorm Einschlafen…
Die Explosion einer Mine geschah mitten am Tag beim Mittagessen… es gab Ente, und sie waren fröhlich als wären sie ein normales Paar, damals waren sie schon fünf Monate zusammen, er hielt die Keule in der Hand und knabberte daran voller Genuss, Bettina stutze, lachte, und tat es ihm nach mit ihrer Keule, plötzlich mitten im Verzehr würgte sie, sah ihn fast wütend, aber auch hilflos erschrocken an, warf ihre Keule zurück auf den Teller, eilte in die Toilette, und er hörte, wie sie sich übergab…
Zehn Minuten später saß sie ihm wieder gegenüber, hatte Tränen in den Augen.
"Was hast du für ein Problem?" fragte er verwundert.
"Der harte Knochen im Mund", antwortete sie.
Er lächelte nachsichtig.
"Sei nicht so gierig", versuchte er zu scherzen und widmete sich wieder seiner Entenkeule.
Die folgenden Worte ließ sie wie Glaskugeln auf den Küchenboden fallen und jede einzelne zerplatzte.
"Der Ekel, die Panik bis zur Erstickungsgefühlen, wenn man etwas hartes im Mund hat, sind eben ein typisches Anzeichen..."
Georg sah auf. "Wofür?"
Bettina sah ihn starr an.
"Wenn man als Baby missbraucht wurde..."
Georg nahm eine Serviette und wischte sich den Mund sauber... "stopp mal."
Und er sprang auf...
Christa hörte ihm zu.
"Diese schöne Frau Bettina wurde als Baby missbraucht? Von wem?"
"Von ihrem Vater."
"Jetzt schenke ich uns erst einmal einen Schnaps ein", sagte Christa und zog unter dem Tresen eine Flasche hervor, "und dann erzählst du weiter, so etwas habe ich ja noch nie gehört."
"Ich auch nicht", kommentierte Georg und prostete ihr zu, "Gehört schon in den Nachrichten mal, aber wirklich so einen Menschen kennen lernen ist was anderes..."
"Und du hast ihr geglaubt?"
"Aber je mehr sie erzählte, immer weniger, nur das konnte ich ihr schlecht sagen, sie war jedenfalls davon überzeugt, es begann mit Ahnungen, seltsamen Träumen, Psychotherapien, Hypnose Behandlungen, Nachforschungen, ihr Vater war ja schon verstorben, als sie darauf kam, im Internet entdeckte sie Betroffene, tauschte sich aus... wir redeten Stunden, Tage, einmal sagte ich, du hast doch gar keine Beweise, solche Täter sind doch geisteskrank, ist denn dein Vater sonst irgendwie auffällig geworden, gibt es Zeugen?"
Da schrie sie: "Das ist wieder einmal typisch, nicht der Täter wird beschuldigt, das Opfer soll sich erklären!"
"Na ja, ich verstehe dich schon, woher sollst du das wissen?" kommentierte Christa kühl, "aber ich möchte nicht wissen, wie viele Psychologen in unserem Land versteckte Kindesmissbräuche aufdecken, das ist ja auch für diese Psychologen sehr lukrativ..."
"Ich hörte von keinem wirklichen Beweis", sagte Georg... schwieg und fügte hinzu, "ich war irgendwie hilflos. Es könnte immerhin doch wahr sein."
Christa hörte zu und sie tranken noch zwei Schnäpse.
"Sie hat dich nun auch zu einem Täter gemacht", sagte Christa lakonisch.
Die letzte Wochen ihres Zusammenlebens hatten Bettina und Georg keinen Gesprächsstoff mehr. Er wollte ihr helfen eine Therapie zu machen, aber die hatte sie angeblich schon zur Genüge. Sie hätte damit abgeschlossen, aber schilderte ihre Opferrolle tagtäglich in entsprechende Internetforen, in denen Zweifler und auch Hinterfrager der Problematik beschimpft wurden, als wären sie selbst Täter. Täter und Opfer. Georg wollte sich an solchen Diskussionen nicht beteiligen... so nach und nach verstummten sie, natürlich war auch an diese abendliche Zeremonie des Gute-Nacht-Kusses nicht mehr zu denken...
Und nach einem guten halben Jahr lebten sie so... in einer Zweizimmerwohnung:
Das Schweigen legte sich über alles. Georg hatte bis dahin nie gedacht, dass Stille so spürbar sein kann. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Aber auch sonst verhielten sie sich betont ruhig. Beide. Bettina und er.
Sie saß fast immer in der Schlafstube am Computer, und er hielt sich in der Stube auf, lesend oder TV schauend.
"Ich möchte nicht mehr drüber reden mit dir", hatte sie abschließend gesagt.
"Na gut", hatte er geantwortet, "bist du halt eine Untermieterin hier, wir könnten ja vielleicht doch freundlich miteinander umgehen."
"Okay."
Er hielt das für eine Abmachung.
Durch sein steifes Bein fehlte ihm beim Laufen eine gewisses Gefühl beim Auftreten, und immer wenn er durch den Flur zur Küche oder ins Bad ging, gab es da eine Stelle, die laut knarrte, wenn er auftrat. Das störte ihn. Weil es sie vielleicht störte dort in der Schlafstube in der Internet Kommunikation...
Dann der letzte Abend.
Georg sah im TV einen Film über den großen Geiger Jascha Heifetz, der ihn sehr berührte. Plötzlich kam Bettina herein und setzte sich.
"Was guckst du?"
Er schaute sie an. Sie lallte.
"Einen Film über den Geiger Jascha Heifetz", sagte er.
"Aha."
"Ich schaue gern Filme über Musiker."
Er versuchte höflich zu sein.
Schweigen.
Zuschauen.
Sie brachten eine Solostelle aus einem Stück von Haydn. Heifetz spielte wie ein Gott.
Georg stiegen Tränen in die Augen.
"Weinst du?" hörte er plötzlich.
Er grinste.
"Entschuldigung, aber so was rührt mich."
"Ja", lallte sie, "so was rührt dich" und sie betonte das "so". Und sie ging hinaus.
Zehn Minuten später rief er vom Flur.
"Ich geh noch auf ein Bier."
Er trank zehn Guinness in einer Punk Kneipe im halb dunklen Licht bei lauten Gitarrenklängen aus den Lautsprecherboxen.
Warum ist mir das hier passiert, dachte er.
Ich würde ihr ja helfen, ich werde mir ihr reden, es kann nicht sein, dass sie sich mit wildfremden Menschen über solch eine Geschichte austauscht, aber nicht mit mir, ihrem Partner. Und dann dachte er, kann ich ihr helfen?
Als er heimkam, war sie verschwunden.
Er fand einen Zettel, "Du siehst mich nie wieder. Jetzt brauchst du nicht mehr fortgehen, um allein zu sein."
Er ging durch den Flur, trat achtlos auf die knarrende Diele - und war erleichtert.
"Wann war denn das?" fragte Christa.
"Vor einem Jahr", sagte Georg.
"Und nun hast du erst mal genug von den älteren Damen?" Christa grinste, "aber hör mal, wenn du abends allein auf ein Bier gehen möchtest, kannst du immer gern hierher kommen."
"Ja, ja", antwortete Georg und verabschiedete sich.
Auf dem Heimweg sah er über den Dächern am Ende der Straße einen Mond, der war so rund und groß und silbrig, wie er ihn noch nie gesehen hatte.
Als er seine Tür auf schloss, fiel sein Blick auf das Polizeisiegel an der Tür der toten Nachbarin.
Ihre Geschichte war zwar eine andere, aber auch so eine "Täter-Opfer-Scheißgeschichte", dachte er. Im Flur maunzte die Katze...

HARFIM - 7. Mai, 15:23