22
Aug
2014

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Betty und John - ein verspäteter Western zum Frauentag

eine alte Geschichte, die uns zeigt, wo Männer noch Männer sein dürfen, mit einem lebhaften Augenzwinkern erneut veröffentlicht :-). Vielleicht gibt es ja noch Frauen auf der Welt, die lachen können ohne mit den Zähnen zu knirschen, grins, Löschtaste inclusive



Die Sonne leuchtet wie eine rote Fackel über die Hügel der Prärie als John nach Hause kommt. Der Wind bläst sanft und trocken über das Land und riecht nach Gras wie ein müder Sheriff, der im Schaukelstuhl seinen Rausch ausschläft, während auf der staubigen Straße die Jungs von der Millerranch vorbei reiten, um im Saloon mit Whisky den Sand von den Zähnen zu spülen… doch die kleine Stadt ist weit entfernt hinter den Hügeln.
John schwingt sich vom Gaul und bindet den Zossen an einen Zaunpfahl.
Betty beobachtet seine Ankunft durchs Küchenfenster und wirft zwei riesige und saftige Steaks in die Pfanne. Aus einem Stall blöken die Schafe, als wollen sie noch mal hinaus auf die Weide. Aus einem anderen Stall wiehern die Pferde.
Mit weiten Schritten geht John zum Haus, die ledernen Chaps knirschen über den Knien. Es war ein verdammt harter Tag…
Er stößt die Tür auf und kommt wie ein knurriger Gruß herein, sein Stetson segelt an den Nagel im Balken.
„Hallo, mein Schatz“, sagt Betty mit zwitschernder Stimme, „wie war dein Tag?“
John fällt auf den Stuhl und sagt:
„Normal wie immer.“
Er dreht ein Glas herum, das auf den Tisch steht und schenkt sich aus der Flasche ein, die auch auf dem Tisch steht.
Betty wendet die Steaks in der Pfanne.
„Hast du mir nicht mehr zu erzählen?“ zwitschert sie da vom Herd.
John antwortet nicht. Er kramt aus der Westentasche eine Zigarrenstumpen hervor, den er mittels eines Streichholzes, den er an der Stiefsohle entflammt, anzündet und pafft drei Wolken an die Stubendecke.
„Was gibt es da noch mehr zu erzählen“, sagt er jetzt nach einem tiefen Zug aus dem Glas, „morgen müssen wir los, hinter den drei Bergen soll sich eine wilde Pferdeherde aufhalten, die fangen wir uns.“
Er grinst. Der Geruch der Steaks zieht durch den Raum wie ein Versprechen.
Betty kommt an den Tisch. Sie setzt sich ihm gegenüber.
„Wie lange bist du dann weg?“ fragt sie.
„Keine Ahnung, zwei Wochen vielleicht.“
John gähnt.
„Das hätten wir aber beide besprechen sollen“, sagt Betty und streicht mit der linken Hand die bunt karierte Tischdecke glatt.
John stutzt.
„Wie besprechen?“
Betty lächelt.
„Aber wir sind doch Mann und Frau, da muss man alles, was in der Ehe geschieht, miteinander besprechen.“
John schaut sie erstaunt an. Sein Blick wird etwas abwesend.
„Ich glaube, die Steaks brennen an“, sagt er und lächelt etwas nachsichtig.
Betty springt auf und eilt zum Herd.
John trinkt noch einen Schluck und raucht noch ein paar Züge.
Bis Betty den Teller vor ihn hinstellt mit Steaks und Bohnen, die dampfen.
John beugt sich vor, zieht ein Messer aus dem Stiefel, haut die Gabel ins Fleisch und säbelt sich ein Stück ab. Dann kaut er breit wie ein Grizzly und trinkt ab und zu einen Schluck wie ein durstiges Pferd.
Betty sitzt ihm gegenüber, hat die Ellenbogen aufgestützt und betrachtet ihn nachdenklich.
John stutzt. Er schaut sie an.
„Was denkst du gerade?“ fragt sie.
„Nichts“, sagt John.
Und isst weiter. Zweimal rülpst er.
„Du könntest eigentlich auch mal kochen“, zwitschert Betty.
John hält inne.
„Und was machst du?“ fragt er.
Betty guckt an die Decke.
„Frauensache“, sagt sie dann.
„Wie kommst du darauf?“ fragt John.
„Übers Internet“, antwortet Betty und senkt etwas die Augen, „ich habe da eine Freundin aus Europa gefunden…“
„Und da kochen die Männer?“ fragt John.
Es wird etwas schummrig und Betty zündet eine Kerze an.
„Ja“, sagt sie dabei beiläufig, “die Männer kochen, beteiligen sich an der Hausarbeit, rauchen nicht im Haus, sondern davor. Pinkeln nicht im Stehen…“
John unterbricht sie.
„Wie pinkeln denn die Männer?“
„Im Sitzen“, antwortet Betty und lächelt triumphierend.
„Wie die Frauen?“
„Ja.“
John schweigt und isst.
„Woran denkst du?“ fragt Betty.
„An nichts“, sagt John.
„Ich weiß ja gar nicht, ob du mich überhaupt noch liebst“, sagt Betty.
John schiebt den Teller von sich.
Er schaut Betty an.
Dann sagt er träge:
„Wir sind dreißig Jahre verheiratet, unsere Tochter hat in der Hauptstadt das Supertalent gewonnen, unser Sohn macht Karriere in der größten Bank des Landes und du fragst mich, ob ich dich noch liebe…“
Er lehnt sich nach hinten und wartet.
„Ja“ antwortet Betty fast sanft und lächelt, „vielleicht müssen wir an unserer Beziehung arbeiten, dass sie funktioniert, Frauen haben auch Rechte.“
Darauf schenkt sich John neu ein Glas ein, das er in einem Zug austrinkt.
Betty wartet.
John starrt vor sich hin.
Dann sagt er:
„Im Internet eine Freundin aus Europa?“
„Ja, aus Deutschland“, sagt Betty, „sie kann sogar Englisch, dort lernen Frauen auch Fremdsprachen…“
John steht auf.
„Wo willst du hin?“ fragt Betty, als er in Richtung der Tür geht.
„Ich reite noch in die Stadt, die Jungs von der Millerranch wollen ein Pokerturnier starten.“
Betty schluchzt auf.
„Du hast nur das Kartenspiel und das Saufen im Kopf, ich bin total nebensächlich für dich.“
John hält kurz vor der Tür inne.
„Vergiss nicht, dass wir es einst einem Royal Flush verdankten, dass ich die Farm erwerben konnte, ein gutes Leben führen, unsere Kinder ihre Ausbildung erhielten…“
„Als ob das alles wichtig ist“, Betty schluchzt immer noch.
John dreht sich langsam um.
„Was soll denn sonst wichtig sein?“
„Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau!“
Betty schreit es fast heraus.
„Dass ich im Sitzen pinkle?“ fragt John ruhig.
„Zum Beispiel!“
John schaut sie lange an. Dann geht er zum Tisch, zieht den Colt aus dem Halfter und legt ihn dort hin.
Betty guckt ihn verwundert an.
„Falls du dich erschießen willst“, sagt John…
Wenig später hört sie das abklingende Hufgeklapper des alten Zossen.
Dann ist es ganz still über der Prärie.
Betty geht in die Ecke an den Computer und fährt diesen hoch, dass es stöhnt wie das Jaulen eines Coyoten.
Im Chat trifft sie ihre Freundin.
„Was macht die Frauenbewegung im Wilden Westen?“ liest sie auf Englisch.
„Er hat seinen Colt auf den Tisch gelegt, dass ich mich erschieße“, tippt Betty.
„Männer, eben, da musst du durch“, liest sie, „bleib stark.“
„Ich habe bloß Angst, dass er zu den Indianern reitet und sich eine Neue holt“, antwortet Betty, „die sind noch lange nicht so weit…“
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Kleine Parkliebe

„Mit den Literaten habe ich nichts am Hut“, sagte er und kickte mir der Fußspitze eine Kastanie vom Weg. Dieses Jahr scheint der Herbst sich frühzeitig bereit zu machen wie ein eifriger Herbergsvater, der schon mal den Kamin anheizt, dachte er.
Sie tippelte neben ihn, und auf der Wiese saßen Krähen und schauten ihnen zu.
„Sie schreiben doch selbst“, sagte sie und hielt den Kopf gesenkt wie eine Schülerin, der die ganze Angelegenheit zu schwierig wird.
Er gab mit einer großen Geste die passende Antwort.
„Ja, aber es ist mir eher peinlich.“
Sie blieb stehen und sah ihn an.
Er blieb auch stehen und ließ es geschehen.
„Sie sind komisch“, sagte sie, „was haben Sie gegen Schriftsteller?“
„Das sind eitle selbstverliebte Narren, die sich viel zu wichtig nehmen.“
„Wichtig?“
Jetzt krächzte eine Krähe, und eine Windböe fuhr unter die Baumkronen, wie eine freche Schelmin, welche den Mädchen die Röcke hebt.
Er machte wieder eine große Geste.
„Tucholsky sagte mal, nichts ist schlimmer als wenn Literaten Literaten Literaten nennen.“
Und er grinste breit.
„Sie reden Unsinn“, schalt sie ihn und hakte sich unter, um mit ihm weiter zu gehen.
Oben ballten sich Wolken zusammen.
Sie gingen zehn Minuten ohne zu sprechen. Der Park war groß wie ein Land der Sehnsucht.
Er dachte, wenn ich wirklich schreiben könnte, würde ich darüber schreiben, dass es schon kühl geworden ist, und dass die Hand des Mädchens in meiner Tasche ganz warm ist, als würde ich ein Küken hüten. Und das macht mir ein zärtliches Gefühl.
„Ich werde Sie jetzt küssen“, sagte sie plötzlich.
„Was!“
„Aber bilden Sie sich bloß nichts darauf ein“, sagte sie.
Er schaute sie an. Sie lächelte.
Eine Spur zu melancholisch, dachte er...
Für solche Dinge sind wir viel zu alt.
25

19
Aug
2014

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Lenin - Drama eines Diktators

gestern Nacht in Phoenix sah ich diesen Film. Leider gibt es da keine Mediathek. Aber man kann ihn sich besorgen. Und es lohnt sich wirklich.
Irgendwo heißt es wohl, er hätte den Verstand einer entsicherten Pistole gehabt.
Die Energie eines Massenmörders. Er liebte nicht die zu Befreienden, aber das Befreiungswerk, so ähnlich äußerte sich Gorki.

Lenin-Drama-eines-Diktators
25

17
Aug
2014

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Kleiner Sonntagstext

Kleiner Sonntagstext mit Shadows of Grey oder was ist ein typischer Blogeintrag?


Die Glocken läuten. Es ist kühl, und die Katze beobachtet mich schläfrig.
Der Sonntag gähnt, die Glocken sind still geworden, und jetzt hat die Katze die Augen zu.
In der Ferne fährt ein Auto.

In der Nacht sprachen mit mir Verstorbene. Allerdings machten sie mir keine Vorwürfe und das ist schon was. Sie sprachen über dieses und jenes und waren völlig entspannt. Ich hörte zu.
Dann erzählte ich, dass ich den ersten Band von Shadows of Grey gelesen habe.
Sie schüttelten besorgt den Kopf, dass ich so langsam verblöden werde.
Ach naja, ist doch bloß so 'ne Liebesgeschichte, wo der Mann als winziges Kind furchtbar verprügelt wurde und davon einen Knacks weg hat, die Frau, die ihn liebt, sich zum Ausgleich auch verprügeln lässt, um ihn zu retten. Ist nicht so schlimm, sagte ich im Traum.
Mein verstorbener Vater schämte sich da und verschwand. Meine Güte. Das ist sechzig Jahre her.
Und ich habe später keine Frau verprügelt, Papa!

Dann träumte ich von dem großen Welterklärer Peter Scholl-Latour, der gerade gestorben ist. Vor dem Einschlafen sah ich noch den letzten Bericht, den man mit ihm über sein Leben gedreht hatte, da war er schon neunzig.
Mit Demokratie, Menschenrechte und Freiheit, was die Journalisten angeblich immer so bewegt, hatte er gar nicht so viel am Hut. Das sind ja eh nur Phrasen. Er wollte immer nur beobachten und aufklären, was ist, aber wahrheitsgemäß. Er war nicht unbedingt ein Gesinnungsjournalist.
Moralisten gerade aus Deutschland siebzig Jahre nach der Hitlerzeit, verwunderten ihn eher.
Warum müssen wir neuerdings die Welt belehren? Ist eigentlich eine Frechheit. Das hat mir gefallen.
Die Katholiken wollen ihn für sich vereinnahmen. Er sagte, seine katholische Erziehung habe ihm dabei geholfen, später den Islam besser zu verstehen! Na ja.
Ich träumte eigentlich den ganzen Film nochmal.
Und dann wachte ich auf. Und es war noch dunkel.

Ich schaltete die Lampe an und las im Kindle Rezensionen von Shadows of Grey.
Einer schrieb, wenn man bei der Lektüre jedes Mal, wenn die junge Heldin errötet, einen Schnaps trinkt, ist man nach dem halben Buch schon breit.

Dann stand ich auf, weil ich so amüsiert war, konnte ich eh nicht mehr schlafen (ich kicherte wie Anastasia Steele vor mich hin) und versorgte die Katzen und dann so nach und nach mich.
Ich schreibe das hier nur hin, weil das so üblich ist in den Blogs. Hätte ich einen Fotoapparat zur Hand, würde ich noch meine Cappuccino fotografieren und das Bild reinstellen. Ich könnte ja meine Mitbewohnerin später bitten, mich zu fotografieren, wo ich gerade unrasiert bin und dann das Foto reinstellen...

Was mache ich nun?

Nein, den zweiten Band lade ich mir nicht runter :-)
Der erste Band hat ein gutes Ende. Sie macht mit ihm Schluss, diesen prügelnden Dreckskerl.
Da braucht 's für mich keinen zweiten oder sogar dritten Band.

So ist es, die Frauen sollten nicht die Männer retten, sondern erst mal sich selbst...

Na schönen Sonntag und sollten Sie weiblich sein, machen Sie sich um mich keine Sorgen, mir wird für den Rest des Tages schon was einfallen.
Um Gottes Willen, retten Sie mich nicht.

Jetzt kommt die Katze und will schmusen. Und so geht das. Dann kommt das und das und dann das nächste. Soll ich Sie damit langweilen?
149

15
Aug
2014

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Fünfundvierzig Jahre

alter Text, der auf der Festplatte herum lungert

„Das Leben ist in Wirklichkeit ganz kurz.“
Dieter hatte seine Hände übers Bäuchlein gefaltet und schaute recht bedeutungsvoll drein, als hätte er einen Satz von wahrer philosophischer Tiefe von sich gegeben.
Dieter und Thomas saßen fast allein in seiner kleinen Kneipe. In der Ecke an der großen verglasten Flügeltür hielt sich noch ein einzelner Gast auf. Er war groß, hatte schlohweißes Haar und trank mit einer gewissen Vornehmheit ein Glas Rotwein.
Thomas hatte sich wie Dieter auch in einem Korbsessel gemütlich gemacht und hielt auch seine Hände über das Bäuchlein gefaltet. Vor Thomas stand auf dem runden Glastisch ein Bier in einer Tulpe, halb ausgetrunken. Dieter trank eine Cola. Er griff nun nach den Zigaretten und zündete sich eine an. Thomas rauchte nicht.
Aus den Boxen der Musikanlage klangen gedämpfte Beatlesongs, original.
Thomas neigte sinnend den Kopf.
„Wie kurz ist denn das Leben?“
Er lächelte. So war Dieter gezwungen, sich anzustrengen und eine geistvolle Antwort von sich zu geben.
Der einzelne Gast beobachtete draußen die wenigen Passanten.
Dieter blies den Qualm schräg nach oben gegen die gespiegelte Decke.
„Genau genommen“, jetzt schaute er besonders bedeutungsvoll in die leicht amüsierten Augen von Thomas, „dreimal fünfzehn Jahre.“
Thomas kicherte verhalten.
„Aber das sind nur fünfundvierzig.“
„Richtig.“
Natürlich kannte Thomas Dieter lange genug, dass er wusste, dieser würde es nicht bei dem einen Wort bewenden lassen. Und er wartete.
Dieter reckte sich etwas in seinem Sessel zurecht. Und er setzte zu einer längeren Erklärung an, in deren Verlauf er sich so weit bemühte, das er seinen massigen Oberkörper nach vorne beugte, um seinen Worten mit einigen Gesten Nachdruck zu verleihen.
„Bis du fünfzehn bist, kannst du das Leben vergessen, da bist du eine namenlose graue Maus in der Masse, lässt dich in der Schule quälen, ohne zu wissen, was du möchtest, dann erst eigentlich beginnen die ersten fünfzehn Jahre, in denen du ein Ziel entwickelst, dass dir entspricht.“
„Und die zweiten fünfzehn?“
Thomas unterbrach Dieter nicht wirklich, er gab seinen Ausführungen nur eine kleine Unterstützung. Dieter lächelte dankbar.
„In den zweiten fünfzehn Jahren, da baust du dir was auf, da musst du wirklich ackern, um erfolgreich im Leben zu sein.“
„Hm“, Thomas dachte laut nach, „das wäre also von dreißig bis fünfundvierzig.“
Dieter strahlte, er fühlte sich verstanden.
„Und von fünfundvierzig bis sechzig?“
„Da bist du der Boss über dein Leben, du erntest die Früchte, bist mit dir im reinen, das ist genau das, was ich immer meinen jungen Leuten sagte.“
Thomas griff zum Bierglas und trank einen Schluck. Er wusste, dass Dieter diese nette kleine Kneipe nebenbei betrieb und noch der Chef einer gut florierenden Elektroinstallationsfirma war. Dort beschäftigte er zwölf Elektriker. Dieters Theorie schien sich an ihm selbst zu bestätigen.
„Und mit sechzig ist das Leben vorbei.“
Thomas’ Worte klangen ein wenig lakonisch.
„Na ja, klar, was willst du da noch erwarten.“
Inzwischen hatte sich Dieter wieder gemütlich angelehnt und trank einen Schluck Cola.
Thomas kicherte.
“So habe ich ja noch gute vier Jahre. Wie alt bist denn du eigentlich?“
Dieter ließ diese Frage in aller Ruhe rutschen, und er schlenkerte ein klein wenig das letzte Eis in seinem Colaglas.
„Okay, dir sag ich’s, achtundvierzig, für meine Leute bin ich dreiundvierzig.“
Tomas sah nachdenklich über Dieters Augen auf seine zerfurchte Stirn, die dünnen Haare hatte dieser straff nach hinten gekämmt und zu einem langen Zopf zusammengebunden. Dieter war auch im Winter braungebrannt, da er regelmäßig das Solarium besuchte.
Thomas wusste, dass Dieter allein lebte. Er sah etwas skeptisch drein.
„Wenn du dein Leben nur über Erfolg im Beruf definierst und über dein Bankkonto, bist du irgendwie arm dran“, er nutzte eine Pause, trank vom Bier und fuhr dann fort, „ich meine, nach sechzig, am Ende dann.“
„Dann weiß ich aber, dass ich ein gutes Leben hatte, und es ist eben vorbei.“
Dieter blieb ihm die Antwort nicht schuldig.
„Hast du eigentlich Kinder?“ fragte Thomas.
„Nein, wollte ich nie.“
In diesem Moment öffnete sich die Kneipentür und eine junge Frau kam herein.
Sie grüßte mit einem Nicken den älteren Gast, gab Thomas die Hand und Dieter ein Küsschen auf die Wange.
Natürlich, das ahnte Thomas aus Erfahrung, war sie eine Freundin einer der zwölf Elektriker aus Dieters Firma. Immer hatte eine Freundin gerade Liebeskummer, und Dieter war wie ein Papa für seine zwölf Angestellten. Sie bildeten gewissermaßen seine Familie. Dann kamen die Mädchen zu Dieter ins Lokal am Sonntag Nachmittag. Dieter sammelte die Küsschen von verschmähten Lieben ein wie Falläpfel. Manchmal konnte er auch einen verzehren. Thomas kannte seine Vorliebe für junge Frauen.
Dieter stand auf und holte für die junge Frau einen Saft.
Thomas lächelte.
„Wie geht es dir?“
Die junge Frau blieb ernst.
„Nicht so gut.“
„Liebeskummer?“
Jetzt lächelte sie doch, aber wehmütig.
„Ja, und Depressionen.“
In diesem Moment kam Dieter zurück an den Tisch und stellte das Saftglas hin.
„Siehst du, das ist das Problem mit den jungen Menschen, sie lassen sich hängen, anstatt zu kämpfen.“
Thomas schmunzelte. Irgendwie wirkte Dieter in der Anwesenheit der jungen Frau selbst auch jünger, als ginge ein Ruck durch seinen Körper.
„Wie sehen denn deine Depressionen aus?“
Er wandte sich an sie.
„Ich hänge nur rum, das Fernsehen langweilt mich, ich weiß nicht was ich machen soll.“
Thomas schaute sie prüfend an.
„Hast du einen Job?“
„Nee, arbeitslos.“
Sie schwiegen alle drei am Tisch, bis Dieter das Wort ergriff.
„Das ist das, was ich meine, jetzt verpasst du dein Leben.“
Er sprach zu der jungen Frau, aber auch für Thomas mit. Dieser führte das Gespräch weiter.
„Darf ich fragen, wie alt du bist?“
Sie schenkte Thomas einen kläglichen Blick.
„Fünfundzwanzig.“
Thomas setzte das Bier neu an und wischte sich den Schaum vom Mund.
„Dann hast du nach Dieters Theorie noch fünf Jahre, um herauszufinden, wie dein Leben aussehen soll.“
Dieter beugte sich vor und sah sie durchdringend an.
„Genau, du musst kämpfen, kämpfen, Mädchen.“
„In der Warteschlange des Arbeitsamtes? Soll sie sich vordrängeln?“
Thomas gab den Kommentar trocken von sich. Die junge Frau lächelte dünn.
„Du hast bestimmt Kinder.“
„Meine Tochter ist drei Jahre älter als du, und ich habe einen kleinen Enkel, aber aus der zweiten Ehe noch drei Stiefkinder.“
Dieter mischte sich mit einem Kommentar ein.
„Du definierst dich über Familie, und ich über Erfolg.“
„Richtig“, sagte Thomas, „wenn ich Glück habe, steht eine große Schar Kinder und Kindeskinder um mein Sterbebett, während du in einem Heim den letzten Seufzer allein von dir gibst.“ Er grinste und sprach weiter:
„Aber vielleicht findest du für deine alten Tage auch noch eine junge Gemahlin, für die du deinen Reichtum angesammelt hast, und die dich dann zu Tode pflegt.“
Zu seiner Überraschung erröten die junge Frau und Dieter gemeinsam. Er überschaute es diskret.
In diesem Moment stand der ältere Herr an ihrem Tisch und verbeugte sich formvollendet.
„Gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setzte, ich lauschte Ihrem Gespräch und fand das ganz interessant.“ Der Mann sprach nur gebrochen deutsch.
Die junge Frau und Dieter rückten ein wenig nach hinten, so setzte sich der ältere Herr an Thomas’ Seite. Sein halb ausgetrunkenes Weinglas hatte er mitgebracht.
Thomas ergriff als erster das Wort in der neuen Runde.
„So haben Sie ja gehört, dass wir übers das Alter reden, eigentlich vom Sinn des Lebens.“
„Ja, richtig“, der alte Herr rollte das „R“, und ich fand das ganz interessant.“
„Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“
„Fünfundsechzig.“
Alle schwiegen, bis der ältere Herr lachte, seine Augen funkelten.
„Ich weiß nach Ihrer Theorie bin ich schon tot.“
Die junge Frau schaute ihn unverwandt an.
„Aber Sie sind rüstig und haben eine gute Rente?“ Dieter gab sich höflich und respektvoll.
„Ich kann nicht klagen, es ist ausreichend“, antwortete der ältere Herr mit dem fremdländischen Akzent.
„Und haben Sie Kinder?“ fragte Thomas.
„Ja, ja, aber sie sind weit weg in Litauen, sehr erfolgreich übrigens.“
Thomas führte das Gespräch mit dem alten Herrn, während die junge Frau und Dieter zuhörten.
„Sie sind gerade Rentner geworden?“
Der alte Herr drückte sich sehr gewählt aus.
„Nein, nein, schon seit fünf Jahren arbeite ich nicht mehr.“
Thomas schwieg mit den anderen, aber der alte Herr ergriff die Initiative.
„Wissen Sie, ich pflege meine Frau, sie ist sehr krank.“
„Oh.“
Thomas schaute ihn an.
„Was für eine Krankheit...“
„Krebs“, unterbrach ihn der andere, „im letzten Stadium, sie kann nicht mehr aus dem Haus, und ich pflege sie.“
Die drei schwiegen etwas betreten.
„Wissen Sie“, sagte der alte Herr, „für uns ist jeder Tag schön, den wir noch erleben dürfen, schon am Morgen lachen wir, und heute sagte sie, du musst auch mal allein rausgehen, und da bin ich gegangen, ich war seit zehn Jahren in keiner Kneipe, es ist mir eine große Freude, Ihnen zuzuhören.“
Dieter und Thomas schwiegen. Plötzlich sprach die junge Frau.
„Sie wissen, was der Sinn des Lebens ist.“
Thomas und Dieter grinsten.
„Ja, ich weiß es“, antwortete der alte Herr lächelnd.
„Die Liebe“, flüsterte die junge Frau und errötete etwas.
71

14
Aug
2014

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Verzicht auf Konsum

Geht das? Lesen Sie

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41

11
Aug
2014

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Sensationell

Nachher Vorher

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Unseren Spezialisten ist es gelungen eine Creme zu entwickeln, welche Siebzigjährige in Fünfjährige verwandelt. Sehen Sie selbst die fassungslose Freude unserer Testperson :-)
44

10
Aug
2014

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Mein Lotterieladen

An dem Ort befand sich mal ein kleiner Lotterieladen. Ich wohne schon so lange hier in der Nähe, dass die umliegenden Straßen sich verändern wie der Körper eines Menschen.... Die Haare fallen aus, ein Bäuchlein wächst verschämt, die Haut verändert sich, Falten entstehen wie neue Blüten einer fremden Frucht... anderen Fassaden sind zu sehen, manchmal werden alte erst wieder sichtbar, Renovierungen, Läden schließen, neue eröffnen, Kneipen sterben... hier, dachte ich, befand sich doch mal ein Lotterieladen.
In der DDR war es ein Zeitungsladen, nichts weiter, kein Tabakverkauf, kein Losverkauf, nur Zeitungen und Zeitschriften. Eine Frau betrieb ihn als Angestellte der Deutschen Post, sie war zu allen freundlich, aber hatte ein paar Kunden, die mit dem knappen Kontingent einiger Zeitschriften bedacht wurden. Diese Zeitschriften gab es unter dem Ladentisch und wurden jedes Mal mit einem verschwörerischen Lächeln hervor geholt, wenn alle andere Kunden den Laden verlassen hatten. Ich gehörte, warum auch immer, zu den auserwählten Kunden. Und erhielt dann, harmlos die kahlen Regale betrachtend und wartend, zur richtigen Zeit ein Heft vom „Magazin“, die Literaturzeitschrift „Temperamente“ und was noch seltener war, die Kinderzeitschrift „Mischa“. Sie kam aus der Sowjetunion und war weit entfernt von pädagogischen Gesichtspunkten einfach nur ein lustiges Heft mit sehr lustigen Comics und wirklich erfreulichen Geschichten in deutscher Sprache. Meine kleine Tochter bekam runde Augen wie zu Weihnachten, wenn wieder ein Monat herum war und das neue Heft erschien, um schließlich dort bei der netten Frau Im Zeitungsladen unter dem Tisch zu gelangen und dann in ihre Hände.
Ob es den „Mischa“ noch in Putins Russland gibt?
Das wäre aber keine Frage für Putinfreunde oder Putinhasser, das wäre eine Frage einfach mal so.
Man muss ja nicht immer alles politisch interpretieren, oder.

Jedenfalls übernahm nach der Wende der Sohn der netten Frau den Zeitungsladen und privatisierte ihn, weil wir ja jetzt im Kapitalismus lebten. Es gab plötzlich eine Vielzahl von sehr bunten Zeitschriften, deren intellektueller Anspruch nicht mehr an eine russische Kinderzeitschrift heran reichte, dafür nackte junge Damen in Puppenposen, also mehr für Kleinkinder, es gab Schnäpse, Weine und Biere – und nach ein paar Jahren auch die Möglichkeit Lotto zu spielen.
Der Sohn der netten Frau, war ebenfalls sehr nett und musste sich tüchtig strecken wegen der Konkurrenz des Internets zu Beispiel im Lottoangebot.
Vor drei Jahren ging er pleite.
Und der Laden schlief ein wie eine alte Frau, die zu lange in ihrem Leben gearbeitet hatte. Die Scheiben blieben ungeputzt, die Regale verstaubten, einmal sah ich durch die Glasscheibe der Ladentür und entdeckte tausende Spinnweben.
Ich nahm den eingeschlafen Laden zwei Jahre lang nicht wahr.

Neulich kam ich von der Sauna, war bei meiner dominikanischen Freundin ein argentinisches Steak essen, so schön kann der Kapitalismus sein. Früher gab es nur deutsche Lokal mit recht ruppigen Berliner Frauen als Kellnerinnen und das Speiseangebot beschränkte sich meist auf Soljanka und Schnitzel mit Beilage... aber man muss ja nicht immer alles politisch interpretieren, oder.

Ich ging heimwärts diese Straße hoch und sah plötzlich bunte Markisen, Lichterketten, Tische auf der Straße wie in Paris vor dem ehemaligen Lottoladen und die Leuchtbuchstaben „Bar“, hinter den Scheiben im Innenraum war alles umgestaltet, schwarz gefliest, eine hohe Theke indirekt beleuchtet und dahinter eine Bardame mit einem riesigen Ausschnitt in Herzform, also ein Ausschnitt ihres Pullis, der Brüste in Größe von reifen Pampelmusen zeigte wie das Angebot in einem Obstregal, schwarzes Haar und rassiger Blick. Sie hob diesen Blick etwas verhangen, sah mich da draußen und lächelte vieldeutig. Es war fast acht.
Wow, dachte ich, entsteht hier die Herbertstraße von Berlin?
Mein Gott, mein Lotterieladen!

Ich studierte die Getränkekarte im kleinen Glaskasten neben der Tür, es gab zahlreiche Mixgetränke der schärfsten Sorten, natürlich hochprozentig. Alle Tische waren leer.
Etwas unschlüssig sah ich mich um und schlenkerte mit meiner Saunatasche.
Auf einmal stand ein schmaler, schwarz gekleideter Mann neben mir, der war noch kleiner als ich.
Er sah mich an und lächelte.
„Sind Sie hier der Kellner?“ fragte ich.
„Ja, setzen Sie sich doch und trinken Sie was.“ Er lockte und lächelte verschwörerisch.
Ich zögerte.
„Haben Sie auch Kaffee?“
„Ja klar.“
„Steht gar nicht auf der Karte.“
Er antwortete eifrig:
„Ja, die muss noch aktualisiert werden.“
„Na ja, dann bringen Sie mir mal bitte eine große Tasse“, sagte ich.
Er entschwand, und ich setzte mich hin. Zigarren hatte ich dabei.
Wie das hier alles so geht, überlegte ich später, Kaffee trinkend, die Straßenlaternen leuchteten gelb, am Himmel funkelten Sterne, eine Bar in meiner Straße... ich hörte aus dem Inneren Frank Sinatra singen, die Tresendame lächelte zu mir durch die Scheibe.
Mein Gott, mein Lotterieladen hat sich ja schon tüchtig aktualisiert.

Ich paffte meine Zigarre und dachte kapitalistisch. Wie rechnet sich das eigentlich?
Und dann überlegte ich, dass seit zwei Jahren an der Ecke unten nur hundert Meter entfernt eine kleine Pension eröffnet hatte.
Das ist die Lösung.

Der kleine Kellner erschien in der Tür. Ich winkte ihn, um zu zahlen.
Während ich das Wechselgeld einsteckte, fragte ich mehr beiläufig:
„Und wann kommen die Huren?“
Ohne eine Miene zu verziehen, sagte er:
„Ab zehn.“

Als ich heimkam, ging ich ins Internet, um Lotto zu spielen.
Das ist der Kapitalismus, und ich mittendrin.
103

Eine naive Idee

Das beste aus der Berliner Zeitung vom Wochenende.
Dazu bin ich eh schon ein Anhänger der Naivität. Und bin zum Beispiel der Ansicht, dass bemüht intellektuelle Verkomplizierung von Problemen, die komplex sein können, nie zur Klärung beitragen. Es gilt immer noch:
"Klare Sprache, klarer Geist."
Und die Rolle des Künstlers sollte die des Kindes im Märchen "Des Kaisers neue Kleider" sein, das endlich ausruft:
"Er hat doch gar nichts an!"
Dieses Mal hat Jochen-Martin Gutsch den Nah-Ost Konflikt auf den Punkt gebracht

hier
34

9
Aug
2014

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Der Noppelpreis

es ist zur Zeit nicht viel los im Internet. Wenn das so bleibt, wird es abgeschafft :-) und wir können alle aufatmen.
Im Internet überschlagen sich eh die Katastrophenmeldungen, genau übers Internet, weil Betrüger sich hier tummeln wie Haifische im Ozean.
Neulich sah ich eine Karikatur, die eine Oma beim Kochen zeigte und einen Opa mit zerzausten Haaren in der offenen Tür, der sagte:
"Liegt heute noch irgendetwas an?" "Nein", antwortete Oma. Daraufhin er:
"Da kann ich mich ja in Ruhe mit den Passwörterwechslungen beschäftigen."
Opa hatte Ringe unter den Augen, und ich erkannte mich irgendwie wieder.
Ich suche jetzt nicht extra nach der Karikatur, grins auch nicht bei Google.
Eine nette Geschichte muss her, quasi aus der Vorinternetzeit. In der Zeitung las ich gerade einen Artikel, dass Willi Brands Satz "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört" kurz nach der Wende falsch wäre. West und Ost driften immer weiter auseinander, haben Untersuchungen ergeben. In der Geschichte verkörpert aber das kleine Mädchen eher den Westen, grins, von nix 'ne Ahnung, aber immer große Klappe.
Na ja, und der Held in der Ich-form ist eher der Osten, immer noch auf Jobsuche."
Sollte Sie jemand seiin, der die Geschichte nicht kennt, viel Spaß und - ein schönes Wochenende, auch mit der Ostsonne im Herzen :-)


Der Noppelpreis

An diesem denkwürdigen späten Septembertag besuchte ich Kamenke vormittags um elf. Kamenke besaß eine Kneipe zwei Straßen von meinem Heim entfernt, in der man ganz gemütlich sitzen konnte. Katrin hatte Dienst, und sie war noch völlig allein. Draußen schien zwar die Sonne, aber es war schon kalt, um auf der Straße zu sitzen. Katrin hatte allerdings Stühle und Tische aufgestellt, jedoch ich zog einen Platz im Innern vor. Kamenke bekam schon früh alle Zeitungen der Stadt, so dass ich in Ruhe bei einer Tasse Kaffee die Stellenangebote lesen konnte. Seit zwei Monaten war ich arbeitslos. Ich rauchte und las. Plötzlich schaute ich hoch: In der Tür, die Katrin offen ließ, stand ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Neugierig guckte es herein. Das war eigentlich nicht außergewöhnlich, denn neben Kamenke befand sich ein großer Spielplatz.
„Hallo, du“, sagte Katrin zum dem Kind, sie kannte es scheinbar.
„Hallo, Katrin“, antwortete die Kleine.
Es war ein niedliches Mädchen mit blonden Rastazöpfchen.
Ich vertiefte mich wieder in die Flut der Annoncen.
„He!“
Das Mädchen stand auf einmal neben mir. Ich schaute zu Katrin, sie putzte Gläser und grinste eigenartig.
„He, du.“ Ich zog an meiner Zigarette.
„Bist du einer von den bösen Onkels, die kleine Mädchen ansprechen?“
Mir stand der Mund vor Stauen offen, fast schien es mir, als ob Katrin im Hintergrund kicherte.
„Nein, so ein böser Onkel bin ich nicht.“ Ich wendete mich wieder der Zeitung zu.
„Die dann kleine Mädchen zu einer Cola einladen?“
Die Kleine stand immer noch da und starrte mich durchbohrend an.
„Um Gottes Willen, nein.“
Das niedliche Mädchen erklomm den erhöhten Podest, auf dem ich saß, und kletterte anschließend auf die Bank, mir gegenüber.
„Dann ist ja gut, vor solchen Onkels warnt mich meine Mama nämlich immer.“
Ich legte die Zeitung zusammen und schaute ihm in die unschuldigen blauen Augen.
„Dann hast du eine gute Mama, und du solltest auf sie hören.“
Mit diesen Worten drückte ich meine Zigarette aus und trank einen winzigen Schluck Kaffee.
„Deine Worte zeigen mir, dass du ungefährlich bist, und ich erlaube dir, mich zu einer Cola einzuladen.“
Nachdenklich schaute ich mir dieses Mädchen an. Es besaß eine Stupsnase und lächelte.
„Machst du das immer so? Ich bin ein armer Mann.“
Die Kleine hielt meinem Blick stand.
„Dann bist du doch ein böser Onkel, wenn du mir keine Cola kaufst. Wenn ein Kind Durst hat, muss man ihm zu Trinken geben.“
Ich drehte mich um. Katrin lachte. Ich knurrte.
„Katrin, bring der Kleinen bitte eine Cola.“
Das Mädchen lächelte und ergänzte meine Bestellung:
„Katrin, mit Eis und einem blauen Strohhalm.“
„Ja, sofort“, bemerkte Katrin und bereitete das gewünschte Getränk zu.
Als sie die Cola mit Eis und blauem Strohhalm auf den Tisch stellte, sagte Katrin kichernd zu mir:
„Du musst wissen, sie hat jetzt ihre blaue Periode, vorher hatte sie die rosa Periode.“
Das Mädchen sprach fast beiläufig:
„Ach, Katrin, das brauchst du nicht zu erwähnen, dieser Mann hat noch nie was von Picasso gehört.“
Mich fegte es fast von der Bank.
„Hör mal zu, du kleines freches Ding, ich bin zwar nur ein einfacher Arbeiter, aber von Picassos Malperioden hörte ich schon.“
Das Mädchen saugte hingebungsvoll am Strohhalm. Dann hatte es anscheinend
genügend für den ersten Durst getrunken und hielt inne. Es schaute mich durchdringend an.
„Das ist gut, wenn du nicht so dumm bist, wie ich anfangs dachte.“
Langsam wurde ich nervös und zündete mir erneut eine Zigarette an.
„Mach ich dich nervös?“ fragte die Kleine.
„Ach was“, sagte ich und schaute gedankenvoll der Qualmwolke nach.
„Was bist du denn vom Beruf?“
„Fliesenleger.“
Die Kleine kicherte. Ich blickte wieder zu Katrin. Sie hörte sehr interessiert zu.
„Das ist doch ein guter Beruf, mein Papa ist Elektriker.“
Irgend etwas in mir löste sich, eine nicht erklärbare Spannung.
„Das ist auch ein guter Beruf.“
„Tja“, das Mädchen schaute ein wenig sinnend, „meine Mama hat ihn vor zwei Jahren über den Jordan geschickt.“
Die Spannung in mir baute sich wieder auf.
„Warum denn das?“
„Er war schon ein Jahr arbeitslos und fing an zu saufen, bis es uns zu viel wurde.“
„Aha.“
Ich drehte mich zu Katrin um und sagte:
„Katrin, sei so nett und bring mir ein Bier.“
Diese schien aber auch nichts zu begreifen.
„Seit wann trinkst du am Vormittag schon Alkohol?“
Das kleine Mädchen lachte.
„Er kriegt es mit der Angst zu tun.“
Als Katrin das Bier brachte, stellte ich sie zur Rede.
„Sag mal, was ist denn das für ein Kind?“
Katrin lachte nur, während die Kleine lustig ihre Rastazöpfchen wirbelte, und an Stelle Katrins antwortete:
„Ich bin frühreif, superintelligent, ein Wunderkind, schon von mehreren Psychologen getestet.“
„Du hörst es“, sagte Katrin, die nur nebenbei kellnerte und Literaturwissenschaften studierte. Sie lachte. Jetzt wusste ich, mit wem ich es zu tun hatte. Dieses Kind musste ich wie eine Erwachsene behandeln.
„Na ja, weißt du“, sagte ich, „ich bin gern Fliesenleger, aber über das Arbeitsamt bekomme ich keinen Job, sie bieten mir eine Umschulung, als Elektriker, an.“
„Deswegen musste ich so lachen, meinen Papa boten sie eine Umschulung, als Fliesenleger, an. Das ist schon eine verrückte Welt, sie muss neu organisiert werden.“
Da ich nun informiert war, dass ich es mit einem Wunderkind zu tun hatte, nahm ich es ernst.
„Da hast du völlig Recht.“
Die Kleine schaute etwas suchend umher, und ich fragte aufmerksam:
„Hast du noch einen Wunsch?“
„Ja“, sagte das Kind, „pommes, ist nicht teuer.“
Ich wendete mich an Katrin.
„Bring ihr bitte pommes frites, aber lass mich nicht so lange allein mit ihr.“
Katrin eilte in die Küche. Sie rief von dort:
„Mit Ketchup oder Mayonnaise?“
„Heute Mayonnaise“, sagte die Kleine.
Wir schwiegen. Ich rauchte. Das Kind schaute.
„Wie alt bist du eigentlich?“
„Dreißig und du?“
„Sechs.“
Katrin stellte dem Mädchen das gewünschte Essen vor die Nase.
„Danke“, sagte es und begann sofort genussvoll zu essen, sprach aber dabei,
„Dreißig ist gut.“
Katrin stand bei uns.
„Wieso?“ fragte ich.
„Mit sechzehn schreibe ich einen Roman, es geht um die Liebe eines sechzehnjährigen Mädchens zu ihrem vierzigjährigen Stiefvater, der darüber zum Alkoholiker wird und so.“
Mein Mund stand einen Moment lang offen. Katrin sagte:
„Den Roman ‚Lolita’ gibt es aber schon.“
Das Mädchen stopfte sich förmlich mit pommes voll und antwortete undeutlich:
„Nabukov ist veraltetet, ich bring da Szenen der modernen Musik rein, absurde Szenen, auch ein wenig perversen Sex und so.“
Ich schaute Katrin an. Katrin zuckte nur die Schultern und grinste.
„Kannst du denn schon schreiben?“ fragte ich.
„Nö“, antwortete das Kind, „meine Mama will, dass ich normal zur Schule gehe, aber Schreiben, das ist nur Handwerk, nicht so wichtig, es kommt auf die Fantasie an, und dann erhalte ich den Noppelpreis.“
Ich trank ein halbes Bier in einem Zug aus und ließ das Kind nicht aus den Augen. Katrin zapfte schon das nächste Bier.
„Äh“, sagte ich, „was ist der Noppelpreis?“
Von hinten lachte Katrin.
„Der Nobelpreis.“
Ich schwieg erschüttert.
„Übrigens“, meinte das Mädchen, „keine Angst wegen der Parallelen mit dem Alter, autobiographische Details benutzt eine Autorin oder ein Autor nur, als Anregung, das muss dann nicht alles Wirklichkeit werden.“
„Aha.“
Mein Bierglas war leer, und Katrin stellte ein neues Bier auf den Tisch. Ich zündete mir wieder eine Zigarette an, lehnte mich zurück und fragte behutsam:
„Was verstehst du eigentlich unter perversem Sex?“
Die Kleine beugte sich vor.
„Stell dir mal vor, meine Mama hat sich ein Tattoo machen lassen.“
Sie starrte mich an, als wolle sie mich hypnotisieren.
„Ja, und?“
So ein Wunderkind war nicht leicht zu verstehen.
„Was meinst du, wo?“
„Ja wo?“
Jetzt betonte das Mädchen jedes Wort überdeutlich:
„Auf den Hintern, einen Schmetterling, ich meine, es ist doch denkbar, dass ein Mann beim Sex das sieht.“
Erleichtert atmete ich aus.
„Da hast du allerdings recht, das ist pervers.“
In diesem Augenblick betrat eine junge, sehr schlanke Frau die Kneipe.
„Katrin, hast du meine Kleine gesehen?“
Gleichzeitig entdeckte sie ihr Töchterchen.
Sie kam zu uns an den Tisch und sah mir in die Augen.
„Wieso sitzt meine Tochter bei Ihnen?“
Ehe ich antworten konnte, sprach das Mädchen:
„Der Onkel redete mich auf dem Spielplatz an, er sagte, er hätte zu Hause viele Puppen, zuerst kaufte er mir ’ne Cola und pommes, und dann soll ich mit ihm nach Hause kommen, die Puppen baden.“
Ich dachte, mein Herz blieb stehen. Die Blicke der jungen Frau versuchten mich zu töten.
„Sie Schwein“, sagte sie, „Katrin ruf bitte die Polizei.“
Katrin bekam einen Lachkrampf. Die junge Frau wirkte sehr irritiert.
Das Mädchen kicherte.
„Es ist ja nichts passiert, Mama, aber er ist Fliesenleger, und du hast doch gesagt, Fliesen fürs neue Bad kannst du kaufen, aber sie verlegen, das wird zu teuer, ich meine, er kann es gut machen, wenn er uns das Bad fliest, dafür lassen wir die Polizei aus dem Spiel.“
Ich konnte nur noch flüstern.
„Katrin, bitte, hilf mir.“
Katrin sagte:
„Ich denke, du solltest das Bad fliesen, du langweilst dich doch eh.“
Ich sah die Frau an.
„Die Fliesen haben Sie schon?“
Sie antwortete:
„Ja, aber, wenn Sie mein Kind belästigt haben, dann dürfen Sie auch nicht mein Bad fliesen.“
„Mama“, flüsterte das Mädchen, „es war nur meine Fantasie.“
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
„Wann soll ich kommen?“
Die Mutter schaute verstört auf ihr Wunderkind.
„Morgen um zehn?“
„Okay, unter einer Bedingung.“
„Welche?“
„Sie lassen mich nie mit diesem kleinen Luder allein.“
Das Mädchen grinste.
Katrin und ich schauten den beiden hinterher, als sie die Kneipe verließen.
Die Mutter trug knallenge Jeans.
„Einen Schmetterling“, sagte Katrin und grinste.
Ich knurrte.
„Eines Tages bekommst du auch noch den Noppelpreis.“
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