29
Jan
2012

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Chat

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Heute habe ich keine Lust zum Schreiben. Früher war ich in so einem Chat, mal sehen wie’s da aussieht. O, neuerdings mit Fotos. Ich rolle mal runter.
„Ich liebe Tiere“, schreibt einer.
Ihm antworte ich: „Na, dann schaff dir doch eins an.“
rompt kommt zurück: „Ich meine sexuell“.
O, Woody Allen und sein Schaf lässt grüßen. Ihn ignoriere ich. Auf einmal meldet sich bei mir einer, der nennt sich Fußfetischist, mit der Frage.
„Welche Schuhgröße hast du.“
Ich antworte: „rechts achtundzwanzig und links zweiundvierzig.“
Kommt nichts zurück, scheint nicht in seinem Fetischismusbereich zu liegen. Sage ich doch immer, die Menschen haben heutzutage keine Toleranz. Da finde ich doch tatsächlich zwei hübsche nackige Mädchen. Ihr Visitenkartentext lautet. „wir sind zu allem bereit, wenn du uns überzeugst, dass du der Richtige bist.“
Das ist einfach, klar ich schreibe denen.
„100 Euro.“
Jetzt klickt mich einer an:
„Lust auf CS.“
Ich antworte: „Ich bin siebzig Jahre alt.“
Prompt kommt von ihm. „macht nix.“
Also schreibe ich „Ok, fang an.“
Inzwischen melden sich die beiden nackigen Mädchen doch tatsächlich: „das ist zu wenig, wir stehen auch den ganzen Tag zur Verfügung“.
„Och, schreib ich, den ganzen Tag, an welche Summe habt ihr denn gedacht?“
Nun meldet sich der mit dem CS, er schreibt: „ich klingle an deiner Tür und habe nur meinen Bademantel an, was machst du?“
Ach, ich hatte ihm ja geschrieben, ich bin siebzig, also versetze ich mich brav in die Situation und schreibe:
„Ich sage zu dir, warte mal einen Moment und gehe zurück ins Badezimmer und setze mein Gebiss ein.“
Komischerweise meldet er sich danach nicht mehr, er hatte doch gesagt, macht nix, also keinen Computersex.
Keine Toleranz mehr unter den Leuten.
Aber die beiden nackigen Mädchen melden sich.
„500 Euro.“ Das ist ‚ne klare Antwort.
„Seid ihr aus Berlin?“
Ganz schnell kommt die Antwort. „Ja.“
Ich schreibe: „Ok, dann steht ihr morgen um zehn vor der Tür, ihr könnt den ganzen Tag bleiben, aber vergesst die 500 Euro nicht.“
Es dauert eine Weile. Ich zünde mir eine Zigarette an.
Dann kommt noch eine Antwort von den Mädchen:
„Wieso? Sollen wir die 500 mitbringen?“
Ich tippe.
„Na, ihr habt doch selbst den Preis festgelegt, und wisst ihr, wie gut ich bin, für 500 den ganzen Tag, da habt ihr Glück.“
Komischerweise kommt keine Antwort mehr.
Muss ich eben morgen doch wieder schreiben. Wäre doch mal ‚ne Abwechslung gewesen, und ein guter Nebenverdienst. Irgendwie verstehe ich die Welt nicht mehr.
Ach Schiet, ich geh schlafen, das soll ein Chat sein, jetzt klickt mich irgendwer an
„Wie lang ist dein Schwanz?“
Was soll denn das, soll ich jetzt abends messen? Das habe ich noch nie gemessen, ist das ein Doktor?
Aus die Kiste.
Gute Nacht.
8

26
Jan
2012

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Der Bogartmann

(bearbeitete Fassung)
imagesIn einem Café lernte ich sie einst kennen.
Ich ging dort meist nachmittags hin, es war eben die Szene.
Früher schrieb ich auch Vormittags dort, wenn kaum ein Gast sich zeigte. Aber inzwischen war es selbst schon zum Frühstück voller Gäste. Das ging zu wie in einem Bienenschwarm. Im Prinzip kannte jeder jeden. Und die Gesprächsfetzen segelten wie schnelle Wölkchen durch das Lokal. Manchmal fanden Lesungen statt, und manchmal las ich selbst. Trotzdem kann ich nicht sagen, dass ich direkt dazu gehörte. Es ist eine Frage des Alters.
Alte Elefanten ziehen sich auch aus der Herde zurück. Sie brauchen das Alleinsein. Sagt man so...
Aber man hatte mir immer einen kleinen Tisch an einem Fenster reserviert. Dort saß ich beim Kaffee, rauchte und trank ein oder zwei Weinbrände und manchmal auch drei. Es gab Tage, da betrank ich mich, weil ich es so wollte. Und manchmal setzte ich mich auch an den großen Tisch, an dem man philosophierte. Und ganz selten beteiligte ich mich.
Irgendwann war sie plötzlich da.
Um sie herum war eine Aura, wegen ihrer Schönheit, aber viele Mädchen waren schön. Es war der Glanz in ihren Augen. Ihre Augen suchten. Man sah es förmlich.
Und eines Tages schaute sie mich an, ich meine, sie schaute mich direkt an, und ich fühlte mich irgendwie ertappt, obwohl ich gar nichts getan hatte. Ich war ganz in Gedanken und schrieb im Geiste an einer Story. Die Gespräche rundum perlten von mir ab, bis mich ihr Blick erwischte. Rasch wandte ich mich ab und lachte über irgend etwas. Das war alles nicht wichtig.
Ihre Stimme klang ganz tief und ungeheuer ruhig.
"Du schreibst", fragte sie mich plötzlich.
"Ja, ein wenig, wenn ich es nicht aushalte."
Auf einmal schwiegen alle, und wir merkten es gar nicht.
"Was hältst du denn nicht aus?"
"Vielleicht...", ihre Augen ließen nicht ab von mir, "vielleicht, dass ich noch am Leben bin."
"Ist das so schwer", fragte sie.
"Manchmal...", ich wich aus.
Sie lachte ganz tief von innen heraus.
"Du bist ein Bogartmann."
"Er schreibt gute Geschichten", sagte jemand am Tisch. Und auf einmal redeten wieder alle durcheinander.
Ich hatte das Gefühl, ich müsse verschwinden aus ihren Augen.
Und das tat ich auch. Dann ging ich nicht mehr so oft dahin, nur zwei-dreimal in der Woche auf einen Kaffee. Und immer saß sie dort, immer. Ihr Blick streifte mich eher gleichgültig.
Bis sie eines Tages an einem Mittwoch plötzlich zu mir an den Tisch kam.
"Hallo, Chef", sagte sie mit ihrer tiefen Stimme.
Sie brachte mich zum Lachen.
"Ich bin nicht dein Chef."
"Nein?
Vielleicht doch?"
Ihr Blick durchdrang mich.
"Am Samstag ist eine Lesung, liest du auch?"
"Worum geht es denn", wollte ich wissen.
"Um die Liebe und den Tod natürlich."
"Das ist ja mein Thema."
Sie lachte rauchig.
"Eben. Lies für mich."
"Okay", ich sagte zu.
In drei Nächten quälte ich mich, und nichts gelang mir. Es war alles so flach und oberflächlich. Schließlich stopfte ich mir die beschriebenen Blätter in die Tasche.
Wir saßen alle am großen Tisch. Doch sie war nicht da?
"Wo ist sie", fragte ich und jeder wusste, wen ich meine.
"Weißt du es nicht?"
Ein Mädchen neben mir äußerte sich. Die anderen wichen meinen Blicken aus.
"Sie kommt nie mehr?"
"Nie mehr."
Ich zog mir den Mantel an und ging durch den Regen nach Hause. An einem Mülleimer blieb ich stehen und zerriss meine beschriebenen Blätter in tausend kleine Fetzen... die Zigarette schmeckte süß.
23

24
Jan
2012

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fair

"Da gibt es nicht viel herum zu rätseln", sage ich zur Ärztin, " ein klarer Fall von Gürtelrose."
Und ziehe den Pullover hoch.
"O ja", sie beugt sich etwas vor, "das sieht ja furchtbar aus. Hatte ich auch mal, ist verdammt schmerzhaft."
"Ja", antworte ich aufmunternd, "davon habe ich gelesen, aber es wird individuell verschieden empfunden.
Sie stutzt.
"Wo haben Sie das gelesen?"
"Natürlich im Internet."
Anschließend diktiere ich ihr die nötigen Medikamente.
Sie schlägt eifrig in einem dicken Buch nach, auch wegen der Dosierung.
"Das ist richtig", sage ich und stimme ihr zu.
Als ich die Praxis verlasse, sehe ich immerhin noch einige Patienten warten.
Noch.
Natürlich hätte ich alles allein erledigen können, schon um die leidige Praxisgebühr einzusparen, aber noch sind die Medikamente in der Apotheke billiger als übers Internet, weil die Kasse bezahlt.
Die Kasse trägt sich aus den monatlichen Beiträgen der Mitglieder. Der Kasse geht es gut. Man braucht nur mal eines ihrer Büros aufsuchen
Noch.

Um meinen Grünen Star zu behandeln, brauche ich Augentropfen. Übers Internet bestellt, kosten sie mich sechzehn Euro.
Ich sitze vier bis fünf Stunden im Wartezimmer der Augenärztin, nur um den Augendruck messen zu lassen, den ich selbst einschätzen kann. Dafür kosten mich die Augentropfen auf Rezept hier nur fünf Euro. Diese Ärztin möchte auch leben.
Also, ich werde für vier Stunden sitzen und warten mit elf Euro bezahlt.

Aber ist das fair?
57

21
Jan
2012

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Ankommen

Es war schon fast Mittag, als Robert erwachte. Durch einen Spalt der dicken dunklen Vorhänge fiel genügend Sonnenlicht, um das Zimmer zu erhellen. Seine Zunge fühlte sich schwer und pelzig an. Gestern Abend hatte er ganz allein eine halbe Flasche Whisky ausgetrunken und unaufhörlich geraucht.
Das braucht der Mensch, Robert grinste dünn und wälzte sich aus dem Bett.
Was wären wir ohne Depression, Selbstmitleid und Melancholie?
Maskenmenschen zeigen es eben nicht und halten das für eine Stärke.
Robert hatte gestern allein geweint und sich unendlich bedauert. Und nun war es gut und vergessen. Die große Liebe seines Lebens war zu Ende. Fortgespülter Unrat vom Fluss des Lebens, das waren seine trügerischen Hoffnungen gewesen, Er schmiss Sara einfach hinaus. Die Liebe war in ihm zu Ende, er brauchte keine Gefährtin als Abbild des Elends dieser Welt, drogen- und alkoholsüchtig. Ihr Weinen hatte ihn nur noch härter gemacht.
Vorbei ist vorbei.
Robert pfiff bereits schon wieder unter der kalten Dusche.
Jolka, die polnische Prostituierte fiel ihm ein. Sie hatte in seiner Berliner Wohnung gesessen und ihm beim Packen seines Koffers zugeschaut. Sie hatte geraucht und gelächelt.
„Du bist eher wieder hier, als du es denkst.“
Robert hatte inne gehalten und sie angesehen.
„Und – gibst du dann deinen Job auf und lebst mit mir?“
Sie hatte gezögert.
„Lass mir noch ein bisschen Zeit.“
Auch so ein Sorgenkind, Robert war ein Magnet für Sorgenkinder des Lebens. Er schlug sich drei Eier in die Pfanne, als das Zimmertelefon klingelte. Cecilia meldete sich an.
„Ich bin gerade aufgestanden“, sagte Robert, „komm hoch und frühstücke mit mir.“
Er öffnete das Fenster und ließ die afrikanische Äquatorsonne wie eine Aussicht auf Neues herein. Wir erfinden uns immer wieder neu. Nicht das Ankommen ist wichtig, sondern der Aufbruch zu neuen Ufern. Die Straße war voller Leben, Menschen liefen, Autos hupten, der Zeitschriftenhändler rannte wie ein Wiesel zwischen den fahrenden Autos herum.
Was für einen schönen Gang diese Afrikaner haben, immer waren sie auf den Weg und die meisten zu Fuß. Ist kein Wunder, dass so viele Kenianer erfolgreiche Langstreckenläufer wurden. Cecilia klopfte an die Tür.
Sie frühstückten. Cecilia aß keine Eier, wie immer machte sie sich Bohnen warm.
Was mache ich jetzt noch hier, wollte Robert wissen. Er hatte noch zwei Monate länger eingeplant.
Mach einfach Urlaub, meinte Cecilia und lächelte.
Urlaub ist langweilig, gab Robert zu bedenken, er lehnte sich zurück und zündete eine Zigarette an. Sie schmeckte schon wieder.
„Wenn bloß nicht meine Handschrift so unleserlich wäre.“
Cecilia lachte.
„Aber du kannst sie doch selbst lesen.“
Robert grinste.
„Schon am nächsten Tag nicht mehr.“
Cecilia lachte schallend.
„Soll ich dir eine alte Schreibmaschine besorgen?“
Robert winkte nur unwirsch ab.
„War ich gestern zu hart zu Sara?“
Cecilia wartete etwas, als suchte sie in seinen Augen die Antwort.
„Du liebst sie noch?“
Er stand auf und lehnte sich ans offene Fenster. Die Sonne wärmte ihm den Rücken.
„Ich hatte drei Jahre eine Fantasiegestalt geliebt, ich hatte sie mir schön geschrieben, schon am Flughafen wurde es mir bewusst, sie ist eine ganz andere.“
Er dachte nach.
„Diese Liebe war eine Frucht, die zu lange am Baum hing, als ich sie pflückte, war sie verdorben.“
Cecilia versuchte ihn zu verstehen.
„Aber Sara ist für alle weißen Männer schön, sehr schön sogar.“
„Ich weiß.“
Robert setzte sich auf die Couch, während Cecilia das Geschirr abräumte. Aber Saras Herz ist schwach geworden in all dieser Zeit, Robert formte in Gedanken Sätze, als suche er nach der richtigen Antwort, und ihre Seele ist krank.
Cecilia kam zurück und brachte ihm eine Tasse Kaffee. Sie kannte seine Gewohnheit, kurze Zeit nach dem Frühstückstee und dem Glas Mangosaft einen Kaffee zu trinken.
„Ich hab' ihr gesagt, sie soll nach fünf Tagen, das ist Freitag, noch einmal kommen, dass wir in Ruhe über alles reden können.“
Cecilia sah ihn an und schwieg.
Robert versuchte es zu erklären.
„Verstehst du, ich schick sie zurück in den Slum, wenn ich ihr Zehntausend gebe, kann sie einen kleinen Kiosk aufmachen.“
Cecilia verschränkte die Arme.
„Sie wird es vertrinken.“
Robert wurde finster.
„Das ist nicht mehr meine Sache, ich werde versuchen ihr zu erklären, dass es ihre letzte Chance ist.“
Cecilia lachte kurz auf.
„Sie wird dir sagen, für einen Kiosk braucht sie Zwanzigtausend.“
Robert rauchte schon wieder. Nie rauchte er so viel in seinem Leben wie in diesem letzten Monat in Kenia.
„Dann verdammt, gebe ich ihr die Zwanzig“, er gestikulierte, „ich verstehe gar nicht, warum sie Natascha nicht in die Schule schickt. Euer Präsident hat doch ein neues Gesetz der unentgeltlichen Schulpflicht eingeführt.“
Cecilia sah ihn an, Sie blickte ganz ernst.
„Sara lebt illegal hier, sie ist nach Uganda ausgewiesen worden nach dem Gefängnis, Natascha versteckt sie im Slum.“
„Ach.“ Robert winkte nur ab. Und in Uganda war alles noch viel schlimmer. Er wollte, er wäre Millionär und könnte allen helfen.
„Ich denk mir, ich werde heute oder morgen Jane anrufen, ich habe ihre Telefonnummer, sie wohnt hier irgendwo in Nairobi.“
Durch Jane hatte er Afrika kennen und lieben gelernt.
Vor drei Jahren war er drei Monate hier. Vorher lebte er lange mit ihr in Deutschland zusammen. Diese acht Monate waren die schönste Zeit seines Lebens, Cecilia würde das nie verstehen. Na jedenfalls, einer seiner schönsten Zeiten in seinem Leben.
„Jane? Sie hat dir fast hunderttausend Mark geklaut!“
Cecilia stand auf und lehnte sich gegen den Türrahmen. Robert bekam das Gefühl, sie betrachtete ihn wie einen seltenen Käfer.
„Ja, ich weiß, aber sie hat es doch nicht für sich getan, für die Familie.“
Sie schwieg eine ganze Weile. Robert zerwühlte sich die Haare. Ich habe gestern zu viel getrunken, ging es ihm durch den Kopf. Eigentlich stand ihm nicht der Sinn nach einer Problemdiskussion.
„Robert?“
Er sah hoch.
„Weißt du, was du brauchst?“
„Sag mal.“
Cecilia setzte sich auf einen Stuhl und stütze die Ellbogen auf die Knie. Ihre Hände waren verschlungen.
Sie betonte jedes Wort extra.
„Du brauchst keine Frau, die dir nur immer Probleme macht, du brauchst eine Frau, die dir hilft, gemeinsam Probleme aus dem Weg zu räumen.“
Robert feixte sich eins.
„Frauen machen immer Probleme.“
„Ja, die du kennen lernst.“
Er lachte kurz auf.
„Ich brauch' eine Frau, die auch mein Rafiki ist, ich weiß, ich weiß.“
Rafiki war Suaheli und bedeutete Freund oder Kumpel. Jetzt sah er Cecilia in die Augen.
„Du bist mein Rafiki, oder.“
Cecilia blieb ernst.
„Ja, das weißt du.“
„Aber du könntest nie meine Frau sein, ich spüre keine biologische Anziehung und du hoffentlich auch nicht.“
Cecilia stand wieder auf.
„Eine Freundschaft kann mehr wert sein als eine Liebe.“
Robert lächelte.
„Das ist wahr.“
Cecilia wurde auf einmal lebhaft. Sie lief im Hotelzimmer hin und her, und zwar drei Schritte vorwärts und zwei zurück.
„Siehst du, Robert, so lebst du, du gehst immer wieder zurück zu vergangenen Zeiten, als wolltest du sie zurückholen, come back, come back, das gibt es aber nicht, du musst so gehen.“
Jetzt ging sie nur noch vorwärts.
Robert lachte.
„Du kennst mich schon ziemlich gut.“
Cecilia lächelte.
„Ich habe dich studiert.“
Sie setzte sich wieder hin und legte das Kinn in die Hand des aufgestützten Unterarmes.
„Wie muss deine Frau sein, Robert, wenn du dir eine wünschen könntest.“
Robert winkte ab.
„Mich lieben immer nur Frauen, die ärmer sind als ich und einen Sack voll Probleme mit sich herumtragen.“
Cecilia lachte schallend und lehnte sich zurück. Sie wurde wieder ernst.
„Ich besorge dir genau die Frau, die du dir wünschst.“ Sie sah ihn an.
Robert dachte, früher gab es in Deutschland auch Heiratsvermittlerinnen, das waren dann meist Hexen. Er traute seinen eigenen Ohren nicht.
„Bist du eine Hexe, Cecilia?“
„A witch?“
Cecilia griente. Robert holte tief Luft.
„Also, diese Frau muss gelernt haben, selbständig zu leben, sie muss mir vom Aussehen gefallen, darf nicht so viel spinnen wie ich, bodenständig nennen wir das in Deutschland und“, er legte eine bedeutungsvolle Pause ein, „sie muss mich um meiner selbst Willen lieben, eine gute, anständige Frau – und so was gibt es nicht für mich.“
Er überlegte noch eine Weile, während Cecilia wartete.
„Und sie muss gute Eltern haben oder gehabt haben, die sie ein Leben lang liebt, sie muss mir auch Paroli bieten und sich selbst treu bleiben“, erholte tief Luft, „das sind nämlich die schlimmsten, die mir nach dem Mund reden, so.“
Cecilia schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Du machst es mir nicht einfach, das schwerste ist es wohl, eine zu finden, die dir Paroli bietet.“
Robert nickte ernst und bedeutungsvoll.
„Ja, ich brauche ab und an mal einen Ordnungsgong.“
Jetzt lachten sie beide.
Cecilia sagte:
„Lass mich nachdenken.“
Robert stand auf und ging zum Fenster. Auf der belebten Straße lief ein junger, zerlumpter und muskulöser Mann mit verfilzten Rastazöpfen mit weit ausgreifenden Schritten eines durchtrainierten Sportlers mitten auf der Straße. Er lief vor einem großen alten und zerbeulten blauen Bus, der ihn ja schlecht überfahren konnte, aber immerzu hupte der Fahrer. Die Menschen blieben stehen und beobachteten verwundert Bus und Mann.
„Komm mal bitte.“
Cecilia kam und stellte sich neben ihn. Sie lachte.
„Was ist mit diesem Mann“, fragte Robert, „trainiert er für den nächsten Marathonsieg, aber warum auf der Straße?“
„Er ist ganz einfach verrückt.“
Cecilias Kommentar erfolgte lakonisch. Mann und Bus verschwanden, auf der Straße war ein Stau entstanden. Über allem flimmerte die Sonne.
Cecilia und Robert setzten sich wieder gegenüber.
„Ich weiß eine für dich.“ Sie lächelte.
„Sag mal.“
„Eine junge und sehr schlanke Frau aus Äthiopien.“
Robert dachte an Karl-Heinz Böhm.
„Äthiopierin, ich habe noch nie jemand aus Äthiopien kennen gelernt.“
Das Gespräch begann ihm Spaß zu machen.
„Aber sie hat ein kleines Baby.“
Er lachte laut auf.
„Was? Wie alt ist sie?“
„Fünfundzwanzig.“
Robert schüttelte den Kopf.
„Meine Tochter ist siebenundzwanzig, ich hab' einen kleinen Enkel.“
Cecilia wurde eindringlich. Sie wollte die Äthiopierin an den Mann bringen.
„Sara war auch erst dreißig, und diese Äthiopierin ist ganz lieb, sie bringt Ruhe in dein Leben.“
Robert verschränkte die Arme, er sah Cecilia an.
„Das war eben auch ein Fehler, ich brauche eine ältere und erfahrene Frau, Cecilia, du kennst mich nicht wirklich, du hast als Heiratsvermittlerin versagt.“
Cecilia wurde lebhaft. Sie sprang auf und lief hin und her.
„Wie alt muss sie sein?“
„So ab vierzig, aber auch nicht bedeutend mehr.“
Robert selbst war dreiundfünfzig Jahre alt. Er griente. Cecilia schlug sich mit der Hand vor die Stirn.
„Ich weiß, Helen, natürlich Helen.“
“Wer ist Helen?“
„Helen ist meine beste Freundin.“
Cecilia setzte sich wieder hin, und Robert erfuhr alles über Helen.
Helen war Cecilias Freundin seit Kindheitstagen. Im Gegensatz zu Cecilia war sie viel klüger und tüchtiger. Sie besaß zwei Geschäfte, einen Schneidershop und einen Friseurshop. Sie hatte sich vor zehn Jahren von ihrem Mann, einem Alkoholiker getrennt und drei Kinder allein großgezogen bis zur Highschool. Ein viertes, einen Jungen hatte sie aus dem Slum geholt und seine Schulausbildung finanziert, sie hatte ihn praktisch adoptiert. Heute besaß er einen Studienabschluss und einen Job.
Sie wohnte in Nakuru, das war drei Stunden mit dem matatu, dem Kleinbus zu fahren entfernt, in einem eigenen zweistöckigen und wunderschönen Haus.
„Sie ist reicher als ich.“
Robert unterbrach Cecilias Redefluss.
„Ja.“
„Dann wird sie mich nicht lieben.“
Cecilia ließ sich nicht zum Lachen bringen. Völlig ernst antwortete sie:
„Liebe fragt nicht nach Geld.“
„Hm.“ Robert reckte etwas das Kinn.
„Hat sie einen dicken Hintern, alle Afrikanerinnen haben einen dicken Hintern.“
Cecilia schaute an sich herunter.
„Sie ist vielleicht halb so dick wie ich.“
„Entschuldige“, sagte Robert, „aber das ist nun mal wichtig.“
Cecilia ging gar nicht weiter darauf ein.
„Also, möchtest du sie kennen lernen?“
Robert wippte mit den Füßen und betrachtete diese.
„Wann fahren wir nach Nakuru?“
Cecilia lachte.
Drei Tage später sah Robert Helen und Helen sah Robert, und es war Liebe…

Zwei und einen halben Monate später setzte er die Koffer in seiner Berliner Wohnung im Flur ab. Der Anrufbeantworter blinkte.
„Schau dich um“, sagte er zu Helen.
Das Telefon klingelte. Robert ging in das Schlafzimmer zum Schreibtisch. Dort stand der Apparat.
„Schau dich einfach überall um“, sagte er und nahm den Hörer ab.
„Robert?“ Es war Jolkas Stimme, Jolka, die polnische Prostituierte. Sie klang sehr aufgelöst.
„Ja.“
„Ich ruf' dich schon seit Tagen andauernd an, bist du endlich wieder zu Hause von deinem Afrika.“
„Hör mal, ich komme gerade vom Flughafen.“
„Kannst du zu mir kommen“, Jolka schluchzte und ihre Stimme überschlug sich etwas, „ich stecke total in der Scheiße. Ich brauche deine Hilfe.“
Robert gab seiner Stimme einen besänftigenden Klang.
„Jolka, das geht jetzt nicht, ich, ich bin mit meiner Frau hier, ich bin verheiratet, verstehst du.“
Es folgte ein langes Schweigen. Fast tonlos sprach Jolka.
„Mit deiner Sara?“
Robert räusperte sich.
„Nein mit einer anderen, aber das ist jetzt nicht so wichtig, ich habe jedenfalls keine Zeit mehr für dich, okay?“
„Robert! Robert!“
„Ja, was denn noch?“
„Komm sofort zu mir.“
Robert wurde eine Spur lauter.
„Sag mal, hast du das nicht verstanden, was ich dir sagte.“
Jolka zog die Nase hoch.
„Doch, aber du bist nicht glücklich.“
„Was?“ Robert kratzte sich den Kopf. Er sah Helen hin und her laufen, und er grinste, sie macht eine Inspektion.
„Ich höre es aus deiner Stimme heraus, du bist gaanz unglücklich.“
„Mein Gott“, Robert stöhnte auf, „ich habe zwölf Stunden Flug hinter mir und nicht geschlafen, ich bin nicht unglücklich, sonst vielleicht einfach nur kaputt. Und tu mir den einen Gefallen, rufe in den nächsten drei Jahren nicht mehr an.“
Er knallte den Hörer auf die Gabel. Frauen, welche auf innere Stimmen hörten und wussten, was er denkt und fühlt, wollten sein Geld, das hatte er ja nun begriffen…

Helen kam und schmiegte sich an ihn.
„Gefällt dir die Wohnung?“
„Ja, aber es gibt viel zu tun. Wer war das denn?“
„Ach, eine meiner alten Geschichten, ich möchte nicht mehr daran denken.“
Er küsste sie und schob sie weit von sich und sah ihr in die Augen.
„Was gibt es hier denn viel zu tun?“
Helen lächelte.
„Die Wohnung ist ganz schmutzig, und wir müssen einiges umräumen fürs erste.“
Etwas verdutzt runzelte Robert die Stirn, er schaute zum Telefon und seufzte.
„Ich mach' das schon“, sagte Helen.

Am Abend stand Robert allein am Küchenfenster und rauchte. Helen badete und sang leise vor sich hin… Er hörte es und lächelte. Der Hof war in gelbes Licht getaucht. Es nieselte, irgendwie wirkte Berlin kalt, gestern hatten sie in Kenia Abschied gefeiert. Gelacht, getanzt unter Palmen…
Helen, dachte Robert, Helen, bin ich nun angekommen?

Vier Jahre später war Helen gestorben an dem unheilbaren Krebs, als wäre sie von einem Monster gefressen worden.
Robert war wieder allein.
Helens Tod, sagte er einmal, hat einen Schlusspunkt gesetzt. Genau genommen starb sie nicht am Krebs, sondern am Heimweh.
Es gibt kein Ankommen, er lächelte dünn, jedenfalls für mich…
Louisa
32

17
Jan
2012

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Wie schön du bist

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Es ist hell, die Sonne kitzelt die Stadt, der Himmel leuchtet grün und die paar Wölkchen glänzen rosa wie die Zuckerwatte auf dem Weihnachtsmarkt. Auf der Balkonbrüstung hockt ein kleiner Spatz, der niest vor Vergnügen.
Paul streckt sich, er dehnt seine strapazierten Gelenke wie die Federn eines Expanders, was für eine Nacht war das gewesen! Jetzt brauchte er jemand, der ihn kneifen würde. Er grinst wie ein Satansbraten, der durch die Hölle ging.
Irgendwo in der Wohnung klappert Geschirr wie ein Glockenspiel.
Sein schläfriger Blick wandert träge durch den Raum wie ein Löwe nach der erfolgreichen Jagd halb wach träumt, satt und zufrieden. Und Löwen jagen in der Nacht.
Dieses Wohnzimmer ist ein schönes Nest, zwei alte Schränke, die vielleicht sogar antik sind. Aber nur vielleicht. Die Couch, auf der er liegt ist geschwungen wie eine große Muschel, das vollkommene Liebesnest. Der schwere Spiegel an der Wand darüber ist umrahmt mit glänzendem Mahagoniholz, verschnörkelt, sicherlich aus dem 19. Jahrhundert. Hier stimmt alles eins zum anderen, in der Ecke tickt eine große Standuhr, ebenfalls Biedermeier, mindestens… oder.

Gestern am späten Nachmittag hatte er den schweren Spiegel angebracht. Dass dieses Ungetüm in der wilden Nacht nicht herab stürzte, ist ein Zeichen, er hatte gute Arbeit geleistet. Paul grinst etwas verworfen. Bei den Schwingungen hätte das Ding uns erschlagen können, und es wäre ein verdammt schöner Tod gewesen

„Hast du ausgeschlafen, mein Kleiner“, eine Stimme singt voller Fröhlichkeit irgendwoher.
„Hm“, knurrt Paul irgendwohin.
Ein lustiges Frauengesicht erscheint in der offenen Tür wie das Gretchen im Kasperletheater hinter dem Vorhang erscheint.
„Einen Kaffee, mein Lieber?“
Paul verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Lächelnd schaut er in glücklich funkelnde Augen.
„Schwarz mit zwei Löffeln Zucker, meine Liebe“, sagt er.
„Sofort“, singt die Stimme, und das lustige Frauengesicht ist wieder verschwunden.
Paul hebt vorsichtig die Bettdecke. Unglaublich, er ist tatsächlich nackt. In welches Theaterstück ist er hier geraten?

Gestern um die Mittagszeit klingelte er an der Wohnungstür.
Frau Möller, Irene Möller.
„Wenn du eintrittst, fremde Wanderer, streif‘ deine Sorgen ab wie eine lästige Last“, las er auf einem Bildchen mit Herbstbäumen einen Spruch neben der Klingel... er grinste und klingelte…

Pauls Frau Jaqueline hatte ihm eine Woche zuvor mitgeteilt, dass sie ihre alte Lehrerin getroffen hatte.
„Die Möllern, verstehst du, die Möllern“, Jaquelines Gesicht hatte geglänzt vor Begeisterung...
„Ja und“, hatte Paul gefragt...

...“Weißt du, was diese Frau für uns junge Menschen bedeutete... nein, woher auch... sie war unsere Lieblingslehrerin, sie begeisterte uns für die Musik und die Kunst, sie war so, so... wie, so... so jung und offen, sie akzeptierte uns, wie wir waren...“

„Und du hast sie also getroffen, deine Möllern?“
„Ja“, Jaqueline hatte geseufzt, „sie ist immer noch so wie früher, ehrlich und dem Leben zugewendet, positiv und fröhlich, trotz...“

„Trotz was“, hatte Paul gefragt.
Und dann teilte ihm Jaqueline mit, dass sich ihre Lehrerin getrennt hatte nach vierzig Jahren Ehe von ihrem Mann, einem bekannten Dirigenten. Dieser war in eine Beziehung geraten zu einer jungen Geigerin. Eine junge Liebste für einen alten vom Erfolg verwöhnten Mann.
„Als Frau Möller das erfuhr, verhielt sie sich so, wie ich sie von früher kannte, ehrlich und kompromisslos in ihrem moralischen Anspruch... sie hatte sich scheiden lassen und ist ausgezogen aus der schönen Villa“, hatte Jaqueline mit roten Wangen erzählt.
Paul war diese bekundete Frauensolidarität nicht ganz geheuer gewesen.
„Wie alt ist Frau Möller?“ hatte er gefragt.
„Sechzig Jahre“, hatte Jaqueline geantwortet.
„Und wie alt ist die Geigerin?“
„Fünfundzwanzig.“
Da hatte Paul beschlossen zu schweigen.

Während er auf seinen Kaffee wartet, geht ihm das alles durch den Kopf...

Bei diesem Gespräch vor einer Woche hatte er in sein Schweigen hinein einige Gedanken gelegt, die man besser nicht ausspricht. Jedenfalls nicht vor seiner eigenen Frau.
Paul ist fünfundvierzig Jahre alt, Jaqueline achtunddreißig, sie haben zwei reizende Töchter im Alter von zwölf und vierzehn Jahren. Wenn Paul sechzig sein wird, wird Jaqueline dreiundfünfzig sein... Jaqueline war in sein Schweigen eingedrungen.
„Wenn du mit sechzig noch mal anfängst zu spinnen mit einer Jungen, hoffe ich doch, dass ich die Stärke aufbringe, die Frau Möller bewiesen hat...“
Paul hatte grinsend die Bierflasche angesetzt und einen tiefen Schluck genommen.
„Wie geht es denn nun dem Dirigenten mit seiner jungen Geigerin?“
Und er hatte sich mit dem Handrücken über den Mund gewischt.
In diesem Moment hatte Jaqueline auch gegrinst.
„Schlecht geht’s ihm...“ sie hatten sich im gemeinsamen Lachen gefunden.
„Die Frau Möller hat jetzt eine kleine hübsche Wohnung, aber da müssten noch die Gardinenleisten angebracht werden“, hatte Jaqueline gesagt und ihm übers Haar gestrichen...“
„So, so, die Gardinenleisten“, hatte Paul geantwortet...
„Ja, und ein Spiegel über der Couch“ ...

Irene Möller kommt strahlend mit einem Tablett in die Stube. Sie setzt sich zu ihm auf die Couch und stellt den Kaffee auf den Tisch. Sie trägt einen bunten Morgenmantel, so bunt wie die Blätter im Herbst.
„Bitte schön, mein Kleiner“, sagt sie und lächelt sanft, „ich habe schon Jaqueline angerufen, dass du in einer Stunde kommst, der Likör gestern war zu viel gewesen. Jetzt bist du ausgeschlafen, nicht wahr.“
Paul stützt sich hoch, er rührt den Kaffee. Gestern Abend hatte Irene auch angerufen und Jaqueline gesagt, dass er hier übernachtet – auf der Couch...
Ausgeschlafen… nicht wirklich…

„Wie schön du bist, Irene“, sagt er und trinkt einen Schluck Kaffee.
62

15
Jan
2012

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Monolog eines Mannes, der "vergewaltigt" wurde

So, heute gibt ’s keinen Sex, kein kotomba, ist das klar. Wir müssen auch mal ’ne Pause machen. Hör auf zu lachen. Du kannst mir glauben, ich meine es ernst. Jeden Tag, manchmal zweimal, auch schon dreimal. Sind wir sexsüchtig, oder was. Kichere nicht so. Du brauchst nicht nackt schlafen, kann kalt werden, wir sind in Deutschland, nicht in Africa.
Also, okay, keinen Sex, lies noch deine Bibel. Hm, was soll das, wo hast du deine Finger, bitte sehr, weg damit. Lach nicht immer so, ich mach' keinen Spaß.
Also, Zeremonie, okay, lala salama, gute Nacht, na kupenda, ich liebe dich, träum schön. Küsschen. Machst mal das Licht aus, bitte.
Eh, was soll das, ich schlaf' schon, hast du mich nicht schnarchen gehört.
O, jetzt habe ich die Faxen dicke. Ich steh' noch mal auf. Ich hatte doch im Schrank, wo ist das Ding nur. Hier, ja, das ist gut. Was das ist. Ich weiß auch nicht, ein Body für Männer oder so, den hatte ich vor zehn Jahren gekauft. Ja, sieht aus wie ’n Strampler für Babys, nur mit kurzen Beinen, war mal Mode hier. Ich hab' das Ding nie getragen, jetzt zieh ich ’s an. Passt sogar noch. Hör auf zu lachen. Was heißt, das sieht geil aus. Ich möchte das Wort „geil“ heut nicht mehr hören. Was, das wäre kein Problem, na ja, der Stoff ist zu weich, die Knöpfe gehen leicht auf. Leg dich hin und sitz nicht und guck und lache. Und bedecke deine Brüste, verdammt noch mal. Haaach, das will ich erst recht nicht sehen, schlag die Bettdecke zurück, hörst du. Hör auf zu lachen. Dann ziehe ich hier noch die lange Schlafanzughose rüber, dann kommst du nicht ran. Was heißt kein Problem, hakuna matata, verdammt, lach nicht so, du kriegst mich heut nicht dazu. Jetzt werde ich dir mal was sagen, wir sind in Deutschland, da ist Vergewaltigung verboten. Du weißt nicht, was Vergewaltigung ist, ich denk, du kannst deutsch. Du lachst und lachst und lachst.
Ich mach keinen Spaß, nimm deine Bibel und lese. Was heißt, du hast schon gelesen.
Also Vergewaltigung, das ist zum Beispiel, wenn ein fremder Mann eine Frau ins Gebüsch zieht und kotomba macht. Natürlich gibt es so was auch in Africa, das glaub ich dir nicht. Ein Mann findet nicht immer eine Frau. Was passiert dann in Africa, na, sei ehrlich. Siehste, der Bruder der Frau kommt und tötet den Mann. Soll ich anrufen, dass mein Bruder kommt und dich ersticht. Die ist verrückt, lacht und lacht.
Ich bin keine Frau, okay, aber in Deutschland gilt das Gesetz auch umgekehrt. Auch ein Mann darf nicht vergewaltigt werden. Ich könnte jetzt die Polizei anrufen, und du kommst in Knast.
Was heißt, ich bin kein Fremder, in Deutschland gilt das auch bei Partnerschaften, sogar bei Verheirateten. Das ist auch gut so, das hat was zu tun mit Menschenwürde, Menschenwürde.
Ja, ja, du kennst das Wort.
Es gab schon welche, die haben sich totgelacht, ich würde mal ’n bisschen aufpassen.
Ah, ich weiß was. Ich mach den Ledergürtel von der Hose rum. So, Strampler, Schlafanzughose, Ledergürtel. Gut, wenn du nicht schlafen kannst, lese ich noch. Was ich lese. Goethe, Dichtung und Wahrheit, das ist gut gegen Sex. Soll ich dir vorlesen.
Wer ist Goethe, ’n großer Dichter, schon lange tot. Ja, sicher, Goethe hatte auch mal Sex gemacht, aber dann, wann er wollte, wobei, seine Christiane, ich weiß nicht. Ach, ist gut, Christiane war seine Frau, lass mich lesen. Hör auf gegen meine Brustwarzen zu pusten. Ich lese nicht gern einen Satz dreimal. Was das ist. Ja, okay, ich hab ’n Steifen, das ist, weil ich auf Toilette muss. Spinnst du, bist du pervers, willst du mir beim Pinkeln zugucken.
So, jetzt, liegen wir schön, Zeremonie hatten wir schon, Licht aus, lesen lässt du mich eh nicht. Wo sind denn schon wieder deine Finger. Haha. Der Gürtel ist gut, ja. Ja, ich weiß, ich hab ’n Steifen, aber ich möchte trotzdem nicht. Denk mal an den Grafen von Monte Christo, ach, ist gut, erzähle ich dir morgen.
O Gott, dreitausendsechshundertzweiundsiebzig mal zweitausendvierhundertdreißig, ich versuche eine Rechenaufgabe zu lösen, lass die Finger, wer hat dich das eigentlich gelehrt. Was heißt hier acht Millionen, neunhundertzweiundzwanzigtausend, neunhundertsechzig, ist das Woodo-Zauber, oder was, na warte, morgen rechne ich nach, Was machst du, Kirchentagserotik? Nein, nein, das kann nicht, du hast den Gürtel, wo ist der Gürtel, unter ’m Bett. O, ich werde nicht mehr, das ist ’ne Verrückte.

Am nächsten Morgen.

Was war denn gestern los. Warum hängt denn dieser alberne Strampler über unsere Deckenlampe. Ach, sie sieht so schön aus, wenn sie schläft.
Nee, jetzt fällt ’s mir ein, der Strampler, na klar, sie hat mich doch tatsächlich gestern - vergewaltigt.
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80

12
Jan
2012

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Auf nach Afrika - das leuchtende Rot

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Wenn du ein Gegner von der Lebensweise des Menschen als Einzelwesen bist, musst du mir folgendes berichten: Wie hast du das glückselige Zusammenleben mit deiner Partnerin oder deinem Partner überlebt?

In diesen Zeiten der sozialen Verdüsterung unseres Landes hatte ich mich tapfer gehalten und mit Hilfe eines freundlichen Gutachters zum Frührentner gebracht. Natürlich war und bin ich bis heute noch wirklich krank und für ein Arbeitsleben nicht tauglich, aber schon lange war es nicht mehr selbstverständlich, von den Behörden auch so eingestuft zu werden. Deswegen werde ich für den Rest meiner Tage diesem Professor, der seinen Beruf als Arzt und Freund und Helfer der Menschen ernst genommen hatte, dankbar sein. Von dem Tage der Begutachtung an, war ich in ein angstfreies, schwereloses Dasein gelangt, ich hatte von nun an mein Auskommen als allein lebender Mensch, als Single.

Ich lebte in einer anständigen Wohnung, besaß genügend Kleidung, konnte mir ausreichend Essen und Trinken kaufen, sogar die kleine Schwäche des Rauchens leisten, und bei sparsamer Lebensweise einmal im Jahr in den Urlaub reisen. Ich flog auf den wunderbarsten Kontinent, den unsere Erde zu bieten hat, ich flog nach Afrika.
Elf Monate im Jahr hielt ich mich mit allerlei unnutzes Tun auf dem Laufenden des Alltäglichen in Deutschland und seiner größten Stadt. Und dann kam dieser Monat, für den sich das lange Ausharren gelohnt hatte. Der erste Tag: Das langsame Rollen auf der Startbahn, das lauter werdende Grollen und Vibrieren, als zerre der Flieger an Stahlseile, die sich dehnen wie Gummibänder, bis ich dann endlich aus dieser Welt katapultiert weich wie eine Feder auf den Boden der anderen landete.
Der letzte Tag endete stets mit einem harten Aufsetzen des Fliegers auf der Betonbahn in Tegel, als hätte mich der Herrgott persönlich mit einem derben Fußtritt aus dem Paradies gestoßen, und Berlin erwartete mich im kalten Regen.
Ich brauchte jedes mal einige Wochen, um mich an das graue Dasein zu gewöhnen.

Wieder einmal war ich mit schweren Koffern an den Händen auf die dritte Treppe meines Wohnhauses angelangt, als meine ältere Nachbarsfrau gerade im Begriff war, ihre Wohnung zu verlassen, um einzukaufen. Normalerweise beschränkte sich unser Kontakt im flüchtigen Grüßen, obwohl wir schon zehn Jahre Seite an Seite wohnten.
„Ah, guten Tag, Herr Nachbar, Sie kehren gerade von einer Reise zurück?“
„Ja, Sie haben mich wohl vermisst?“
Die Alte kicherte.
„Ach, Sie Schelm, Sie vermisse ich immer, schon weil sie jeden Nachmittag Klavier spielen, fällt es mir auf, wenn ich plötzlich meine Tasse Kaffee ohne Klavierkonzert trinken muss.“
Während ich nach dem Schlüssel in den Manteltaschen suchte, wartete die Nachbarin neugierig. Ich stutzte und hörte:
„Sie sind aber braun, das fällt richtig auf hier unter lauter Bleichgesichtern.“
Ich stutze weiterhin. Meine alte Nachbarin ließ sich nicht aus dem mir völlig ungewohnten Redefluss bringen.
„Waren sie wieder in Ihrem Afrika?“
Endlich hatte ich den Schlüssel gefunden. Ich lächelte der Nachbarin zu, sie hatte ungefähr das Alter, dass meine Mutter haben würde, würde sie denn noch leben.
„Ja, ja, das ist so, ich war in Kenia, Afrika ist ja ein Kontinent.“
Ich fummelte am Schloss.
„Hi, hi, in Europa sind auch nicht alle Länder gleich.“
Meine Nachbarin wartete. Ich hielt inne und schaute sie an.
„Richtig.“
„Wobei wir ja von den Europäern sprechen und den Afrikanern, nicht wahr, es muss also europäische und afrikanische Merkmale geben.“
Das war nach zehn Jahren die längste Unterhaltung, die ich mit meiner Nachbarin führte.
„Na, ja, die verschiedenen Mentalitäten werden schon einen Europäer von einem Afrikaner unterscheiden, aber das ist schwierig, wollen Sie einen Deutschen mit einem Italiener vergleichen? Statistische Erhebungen helfen da nicht weiter.“
„Nein, nein, aber Deutsche und Italiener haben eine Gemeinsamkeit gegen über Afrikaner aus verschiedenen Ländern wie...“
Sie suchte nach Worten.
„Kikuyus und Kongolesen.“
Ich grinste.
Meine Nachbarin drohte mir scherzhaft mit dem Finger.
“Sie machen sich doch nicht etwa lustig über mich?“
„Nun Deutsche und Italiener sind weiß, obwohl die Italiener eine leichte Bräunung aufweisen, die Afrikaner sind alle schwarz, aber eigentlich doch nicht, ein Kikuyu ist mehr kaffeebraun und ein Masai richtig schwarz.“
„Und jetzt sind Sie ein wenig ein Italiener?“
Ich lachte. Musste ich erst nach Afrika verschwinden, um zu entdecken, dass meine Nachbarin Humor hatte?
„Nicht lange, in zwei Wochen bin ich wieder richtig weiß, deutschweiß, und dann fange ich auch an Klavier zu spielen.“
„Tse, Tse.“
Meine Frau Nachbarin stieg die Treppe hinab. Einen Treppenabsatz weiter unter hielt sie inne und schaute zu mir hoch.
„Das hört sich ja fast so an, als ob sie aus Verzweiflung über die deutschen Verhältnisse Klavier spielen?“
Sie lächelte ein spitzbübisches Alte- Frauen- Lächeln. Verdammt, sie erinnerte mich an meine Mutter.
„Wenn die Dias von meiner Reise fertig sind, kommen Sie mich einfach besuchen und schauen Sie sich diese an, vielleicht verstehen Sie dann besser, warum ich Klavier spiele.“
„Aber gern.“
Kopfschüttelnd betrat ich meine Wohnung. Sie roch nach kaltem Zigarettenrauch, und ich lüftete lange.

Vier Wochen später war ich blass genug geworden, um wieder regelmäßig Klavier zu spielen und ging auch davon aus, dass ich mit meiner Nachbarin kein längeres Gespräch von Tür zu Tür mehr führen werde, geschweige denn, dass eine von uns den anderen in seiner Wohnung besuchen würde.
Da klingelte es. Ich öffnete die Tür.
„Guten Tag, Herr Nachbar.“
„Guten Tag.“
Meine Verwunderung wuchs, als sie sich nach den Dias erkundete, für mich war die Erwähnung derselben einen Monat zuvor doch eigentlich nur eine Höflichkeitsfloskel gewesen. So gestand ich verwirrt, dass die Dias fertig eingerahmt waren, und ich sie mir bereits angesehen hätte. Natürlich könne sie am Abend mich besuchen, bemerkte ich, und wir könnten dann auch noch einmal gemeinsam die Dias anschauen. Ob ich auch wirklich nichts dagegen hätte, fragte sie. Nein, sagte ich.
„Na, dann bringe ich uns auch ein schönes Likörchen mit“, sagte sie.

Ich trank ein kaltes Bier zum Likör und zündete mir eine Zigarette an.
Während ich den Apparat aufbaute und den Lichtstrahl an der weißen Wand ausrichtete, erfuhr ich von meiner Nachbarin, dass sie noch vor sieben Jahren Deutsch und Englisch unterrichtete, nun aber die wohlverdiente Rente genoss, im Gegensatz zu mir, sogar altersbedingt.
„Dann beherrschen Sie wohl die englische Sprache?“
Na ja, schon, räumte sie ein, aber sie wäre noch nie in einem Land gewesen, in dem die Menschen englisch sprächen, ihr Englisch wäre also mehr ein reines Schulenglisch.
Aber, gab ich schmunzelnd zum besten, dann nur auf nach Afrika, nach Kenia, dort ist neben Suaheli das Englisch eine gleichberechtigte Amtssprache, die Menschen sprechen dort das Englisch genau so gut wie die Engländer selbst.
Während sie mehrere „Likörchen“ nachschenkte, führte ich meine Bilder vor. Die pensionierte Lehrerin zeigte sich sehr neugierig, sie wollte schlichtweg alles wissen, das Bild eines jungen Afrikaners, der im Schatten einer Wellblechhütte in Malindi die Mittagshitze verschlummerte, musste ich ihr mehrfach zeigen. Eindringlich fragte sie mich über meine Ansichten aus, welche das Leben und die Traditionen der Menschen dort am Indischen Ozean betrafen. Ich erzählte ihr ein wenig verwundert das, was ich als wahr einschätzen konnte.
Schließlich schaltete ich den Bildwerfer aus.
„Was fasziniert Sie so an Afrika?“
Meine Nachbarin goss mir bereits den fünften oder sechsten Anislikör ein und vergaß sich dabei selbst nicht.
Ich sah dem Qualm meiner dritten oder vierten Zigarette nach und probierte einige Antworten aus.
„Nun, es ist natürlich das warme Wetter, die Helligkeit.“
Hm, meine Nachbarin schaukelte nachdenklich mit dem Oberkörper.
„Die Landschaft, die Tierwelt...“
„Tse, Tse.“
Meine Nachbarin unterbrach mich.
„Dann, die entwaffnende Freundlichkeit, ja Heiterkeit der Menschen, ihre große Toleranz.“
Die Lehrerin schaute mich prüfend an.
„Toleranz? Wie meinen Sie das?“
Ich erörterte ihr kurz meine Ansichten über die deutsche Mentalität, die darin gipfelten, dass man dieselbe aus der Intoleranz erklären könnte. Dann schilderte ich ihr den Takt, die Höflichkeit, den Respekt voreinander, meine Ansichten über die afrikanische Mentalität eben, die vor allem aus der Toleranz kämen. Ich verschwieg nicht das friedliche Miteinander der Moslems und Christen in den Orten an der Küste des Indischen Ozeans. Schließlich erwähnte ich kurz den Unterschied zwischen Männern und Frauen; in Kenia wäre man nicht Anhänger der absurden Idee ihn aufzuheben, indem die Frauen nun männliches Verhalten an den Tag legten und umgekehrt die Männer zu Frauen würden.
Das veranlasste meine Nachbarin noch je ein Likörchen einzuschenken und von sich zu erzählen.
Sie durchlebte in ihrer Jugend eine kurze leidenschaftliche Liebesgeschichte, die sich durch den plötzlichen Tod ihres Verlobten in Nichts auflöste. Über diesen hinaus hielt sie dem Manne die Treue und ging ganz in ihrem Beruf auf, bis sie verblüfft feststellte, alt geworden zu sein für solche Geschichten, wie sie es nannte.
„So sind wir beide also bekennende Singles.“
Mit diesen Worten hob ich das Glas und lächelte ihr zu.
Nun ja, gab sie unsere Gemeinsamkeit zu, und schränkte sie doch auch wieder ein.
„Wenn man von den gelegentlichen Damenbesuchen absieht, die in regelmäßigen Abständen zu abendlichen Stunden bei Ihnen stattfinden.“
Das wäre wirklich nur gelegentlich, beteuerte ich rasch, und keine ernsthafte Gefährdung meines Singledaseins, sondern wie sie es so trefflich nannte, eben Stundenbesuche. Schmunzelnd fand sich meine Nachbarin bereit, das Thema zu wechseln und zu der Plauderei über Afrika zurückzukehren.
„Was war denn eigentlich der glücklichste Moment ihrer Reise?“
Ihre Frage brachte mich zum Nachdenken.
„Wissen Sie, wenn wir ein gutes Leben führen, reihen sich die Glücksmomente wie Perlen an einer Schnur, die wir um den Hals tragen.“
„Und was befindet sich zwischen den Perlen?“
„Die Schnur, als Bild für die Zeit des Wartens, manche sind da unglücklich.“
Sie schmunzelte.
„Wer das Glück nicht kennt, kennt auch das Unglück nicht. Erzählen Sie von einer Perle.“
Ihr bohrender Blick brachte mich zum Lächeln. Da ich es eventuelle mit einer alten Jungfer zu tun hatte wählte ich eine harmlose Erinnerung aus, die sie nicht verstören sollte.
„Erinnern Sie sich auf einem Bild sah man ein recht seltsames Boot mit einem Flachdach wie ein offenes Häuschen?“
„Aber ja, und ich sah einen lachenden Neger auf dem Boot.“
„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie korrigiere, aber man bezeichnet die Afrikaner schon lange nicht mehr als Neger, viele empfinden das sogar als rassistisch.“
Meine Nachbarin, die alte Lehrerin, errötete.
„O, das soll mir aber nicht noch einmal passieren, wahrscheinlich habe ich zu viel Thomas Mann gelesen!“
Sie lachte lauthals, die alte Dame verzog keine Miene.
„Nun, ich warte auf ihre Perle.“
Dort in der Nähe von Malindi war das Wasser des Indischen Ozeans sehr warm, achtundzwanzig bis dreißig Grad, die Lufttemperatur näherte sich vierzig Grad im Schatten, im prallen Sonnenschein wurden sicherlich sechzig Grad erreicht. Die kleinen Boote waren für wenig Geld zu mieten, und die Eigner fuhren über die flache See zu den Korallenbänken. Durch ein Fenster auf dem Boden des Bootes konnte man die Korallen und die vielen bunten Fische beobachten. Der Besitzer hatte das Boot fest gemacht und lockte die Fische mit Brot. Wenn man selbst tauchte, hatte man sogar die Gelegenheit ab und an einen Fisch mit bloßen Händen berühren. Ein lebendes Wesen aus der Welt der Luft hatte im Kontakt mit einem lebenden Wesen aus der Welt des Wassers, gewissermaßen eine ungewöhnliche Begegnung der außerirdischen Art, obwohl ja beide der Erde angehörten.
Die Erinnerung überkam mich, wie ich erschöpft auf dem Dach des Bootes lag, und die Augen schloss, als es auf die Rückfahrt ging. Binnen kurzer Zeit erwärmte sich mein Körper, ohne dass ich ins Schwitzen kam, denn ein lauwarmes Windchen trocknete mich.
Und da entdeckte ich das leuchtende Rot durch die geschlossenen Augenlider gegen die gleißende Sonne gewandt. Es muss mein eigenes Blut gewesen sein, dass in mir strahlte. Dieses leuchtende Rot hatte dereinst der Maler van Gogh in der glühenden Sonne Südfrankreichs auf die Leinwand gebannt. Es war genau genommen die Farbe des Lebens überhaupt, die ich in diesem Moment der Körperwärmung um wenige Zehntel Grad über das Übliche in mir selbst entdeckte, ein Moment, der in meiner Erinnerung hoffentlich bis an das Ende meines Lebens bewahrt bleibt.
Meine Nachbarin lächelte.
„Danke, ich kann das Nachfühlen.“
„Sie müssen es selbst erleben.“
Sie verabschiedete sich, nicht ohne ermahnend den Zeigefinger zu heben, eine neckische Geste, die man wohl dem „Likörchen“ zurechen musste.

Zwei Monate später klingelte sie eines Tages wieder an meiner Tür und zeigte mir mit ihrem mir schon gewohnt spitzbübischen Lächeln die Papiere eines Reisebüros mit den Flugtickets nach Kenia und zurück.
Wohin es denn ginge, fragte ich sie. Nach Watamu, verriet sie mir, o ja, gab ich meinen Kommentar, Watamu Beach, ein Paradies auf Erden, ihre Augen funkelten, während sie mir zuraunte, Turtle Bay, ganz in der Nähe, und somit gehörten wir beide der Verschwörung der Afrikaliebhaber an.
Meine Nachbarin klingelte in den nächsten Wochen noch des öfteren, um sich mit wertvollen Hinweisen und Tipps zu informieren. So erfuhr sie unter anderem von mir, dass sie sich für die Safari nach Masai Mara nicht extra mit einem teuren Tropenhelm hier in Deutschland ausrüsten müsste, man kann sie nämlich billig vor Ort erwerben.

Zwei Monate hörte und sah ich nichts von ihr. Während ich gierig hier in Deutschland die einzelnen Sonnentage genoss wie ein Durstiger die Gläser Wasser hin und wieder, dachte ich mit Neid an sie, bis ich sie beinahe vergaß.
An einem Sonntag abend lag ich auf der Couch und las einen Roman von Balzac über die seltsamen Irrwege der Liebe und der Täuschungen im Leben der Menschen, als ich vom Hausflur her ein Rumpeln hörte. Und schon klingelte es.
Meine Frau Nachbarin stand vor der Tür, im braunen Gesicht das vertraut verschmitzte Lächeln, vor ihrer Tür entdeckte ich zwei große Koffer, andere, als sie vor zwei Monaten mit auf die Reise nahm, größer, viel größer.
Die beiden Koffer hielt ein mittelgroßer schlanker und schöner junger Mann an den Händen. Er lachte mich an, so dass ich fast im Reflex zurücklachte. Der Mann war ein Afrikaner und vielleicht im möglichen Alter meines Sohnes, wenn ich denn einen hätte.
Ich schaute ihn an, schaute die Nachbarin an. Der junge Mann lachte unentwegt, und ich entschied mich anzunehmen, der Taxifahrer, der sie vom Flughafen herbrachte, war wie aus einem Zufall ein Afrikaner, der in Berlin lebte.
„Es freut mich, Sie gesund und wohlbehalten wieder hier zu sehen.“
„Ja, gesund und wohl und – nicht allein.“
Das hörte sich so an, als wäre der junge Afrikaner nicht ein Taxifahrer. Also, guckte ich meine Nachbarin im Alter meiner Mutter, wenn sie denn noch leben würde, in die graublauen Augen und äußerte ein:
„Aha.“
Danach guckte ich ihrem Begleiter in die dunkelbraunen Augen. Über das Lachen der Afrikaner haben sich von viele Menschen geäußert. Nicht nur der Mund lacht, auch die Augen, und diese auf eine ganz gewisse Art: Sie laden den Gegenüber ein mit ihm zu lachen und nicht etwa über irgend jemand, ein freundlicher Friedensbeweis und Willkommengruß.
„Jambo. Habari yako.“
“Sijambo. Mzuri sana.”
Meine Nachbarin runzelte etwas die Stirn, und ich schaute sie fragend an, denn eine Erklärung wäre jetzt zu erwarten gewesen. Sie beugte sich vor.
„Ich habe ihn in Kenia geheiratet, Sie verstehen, das ist mein Mann.“
In den meisten Fällen habe ich mich in solcher Art von überraschenden Situationen total unter Kontrolle, so dass wahrscheinlich nur meine runden Augen ein Erstaunen ausdrückten.
„Dürfte ich fragen, wie Ihr Mann heißt?“
„Samuel.“
Ah ja, murmelte ich und spielte etwas den Zerstreuten, indem ich mir meine Lesebrille wieder auf die Nase setzte.
„Ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise.“
„Aber ja, sehr gut, ich liebe Afrika“, sagte meine Nachbarin und lächelte erleichtert.
„Uko salama?“
„Niko salama pia.“
Samuel lachte unentwegt. Ich lachte auch.
„Um Gottes Willen, sprechen Sie englisch, ich verstehe kein Wort.“
Ich hatte natürlich nicht vor, meine Nachbarin in eine hilflose Lage zu bringen, als würde ich mit ihrem jungen Ehemann etwas bereden wollen, von dem sie nichts wissen dürfte.
„Welcome in Germany.“
Und Samuel schien die Nöte seiner Angetrauten zu verstehen.
„Thank you, very much”, sagte er.
Ein Karibu und Augenzwinkern konnte ich mir nicht verkneifen, und Samuel gab mir auch das Asante zurück.
„It’s enough:“
Die pensionierte Lehrerein spielte die Verzweifelte und öffnete ihre Wohnungstür und schob den Ehemann Samuel in die Wohnung.
O wonderful, hörte ich noch seine erstaunte Stimme, bevor die Tür sich hinter ihnen schloss.
Ich ging zurück in meine Wohnung und legte mich auf die Lesecouch, aber es gelang mir nicht, mich auf Balzac zu konzentrieren.

Einen Monat hörte ich jeden Morgen und jeden Abend Lustschreie aus der nachbarlichen Wohnung. Und es handelte sich um eine Frauenstimme, welche durch die dicken Mauern drang.
Einmal hatte ich gerade um die Abendzeit Besuch von einer Kleinen, und sie lauschte einige Minuten und sah mich schweigend mit großen Augen an.
Ich erklärte ihr, dass meine Nachbarsleute ein frischgebackenes Ehepaar wären, die sich im Honeymoon befänden. Aus taktischen Gründen verschwieg ich den enormen Altersunterschied, was sich erfreulich verhielt. Die Kleine geriet in eine Art rasenden Liebestaumel, ungeachtet, dass ich in ihren Augen doch ein alter Mann sein müsste, beglückte sich mich ebenfalls mit Lustschreie, als wirkte die Nachbarsfrau stimulierend auf sie.
Und unsere dritte Etage war an diesem Abend der Ort eines brünstigen Glücks.
Eine Stunde später geleitete ich die Kleine zur Tür, und sie drückte aus Versehen als erstes den Klingelknopf der nachbarlichen Wohnung und danach den Lichtschalter.
Die Nachbarin öffnete im dunkelrot seidenen Hausrock die Tür, neben der Alten stand der jugendliche Gemahl im freien Oberkörper, schwarzglänzend und muskulös.
Meine Kleine drehte sich um und stammelte einen Gruß, danach bedachte sie mich mit einem Blick des blanken Entsetzens, um die Treppe anschließend beinahe hinabzustürzen.
Ich schaute ihr amüsiert hinterdrein und hob meinen Blick an, bis er aufs Samuels lachende Augen traf.
„Je mko mume na mke?“
Ehe ich mir richtig klar wurde, dass seine Frage die flüchtige Kleine und mich betraf, antwortete Frau Nachbarin statt meiner lachend:
„Hapana.“
Ich schmunzelte in mich hinein: Die Greisin war in ihrer Ehe offenbar auf eine Stufe angelangt, nun auch Suaheli zu lernen. Aber, sie hatte auch das Deutsch nicht verlernt, wie sie mir anschließend gleich danach bewies.
„Nicht wahr, Sie sind nicht der Ehemann dieses netten jungen Mädchens, oder es vielleicht nur für eine Stunde gewesen, der Moment ihres Glücks.“
Ich erwiderte ihr lächelnd, dass Glück wie ein Blick in die Sonne, für mich immer nur für einen Moment haltbar wäre, ansonsten liefe man Gefahr am Glück zu verbrennen. Daraufhin wurde sie ungewohnt ernst und bot mir an, nun ihrerseits mit Samuel gemeinsam die Fotos aus Afrika zu präsentieren, allerdings keine Dias, sondern Papierbilder, denn es wäre wohl an der Zeit. Mir entging nicht bei diesem Angebot der erschöpfte Ausdruck in ihrem Gesicht, und ich bot ihr an, wieder meine Wohnung zu nutzen, diesmal für den Zwecke ihres Fotoberichtes, denn ich rauche nun leidenschaftlich gern, sie aber wäre Nichtraucherin und, wie ich vermutete, Samuel auch. Dieser legte liebevoll den Arm um die Schultern seiner Gattin und antwortete lachend: „Ndio“ ja, als wenn er schon ein wenig Deutsch verstand.
Also dann, sagte ich, wäre es nur noch die Frage, wann. Morgen, fragte sie. Aber gern, antwortete ich.
„Ich bring auch wieder ein Likörchen mit“, antwortete sie und kicherte.

Auch Samuel trank ein Bier zum Likör, während er lächelnd neben seiner angetrauten Greisin auf der Couch saß, liebevoll ihre Hand hielt, und ich ohne Scham rauchend, im Sessel sitzend, mir die Fotos anschaute, die mir die Nachbarin erklärend herüberreichte.
Natürlich war auch ein Foto eines Bootes mit einem flachen Dach dabei, und ich entdeckte staunend den lachenden Samuel auf dem Boot. Er arbeitete dort als Helfer für den Besitzer, und meine Nachbarin kannte ihn schon ein paar Tage vom Bad in der Sonne am Strand.
Auf dem Dach des Bootes erlebte auch sie, wie einst ich, das leuchtende Rot des Lebens und entschloss sich in diesem Moment einfach auf ihr Herz zu hören und ohne zu fragen, warum, Samuel die beteuerte Liebe zu glauben und ihm zu folgen zu einem Besuch in sein Dorf.
Nun folgten Bilder von einem afrikanischen Dorf mit seinen runden Lehmhütten strohbedeckt und zahlreichen lachenden Menschen und einem blinden Hund.
Staunend betrachtete ich eine junge bildhübsche Afrikanerin mit einem Säugling auf dem Arm und einem Kleinkind an der Hand.
Das wäre Samuels afrikanische Frau und seine Kinder. Samuel lachte.
„Niko na jamii kubwa karibu na mji wa Mombasa.“
Meine Frau Nachbarin lachte ebenfalls.
„He has a big family near Mombasa.”
Samuel besaß als eine große Familie in der Nähe von Mombasa. Nun wusste ich es. Und erfuhr, nun schon beim fünften oder sechsten Likör angelangt, und etwa die dritte oder vierte Zigarette rauchend, dass die gesamte Familie in großer Eintracht den Beschluss gefällt hatte; Samuel heiratete seine geliebte weiße Frau und ging mit ihr nach Deutschland. Natürlich versorgte meine Frau Nachbarin mit monatlichen Zuwendungen die gemeinsame Familie, zu der sie nun auch gehörte, von ihrer nach kenianischen Verhältnissen beträchtlichen Pension.
„Das Glück auskosten so lange es geht, ich habe ein Leben lang gewartet.“
Meine Nachbarin flüsterte. Die Hand, die das Likörglas hob, zitterte etwas.
Mko na furaha lakini, fragte ich Samuel, nämlich, ob er denn auch glücklich wäre, was er strahlend bejahte.

Wieder zwei Monate später überschlugen sich die Ereignisse an einem gewöhnlichen Wochentag des Nachmittags. Ich spielte Klavier, als die Klingel mich unterbrach.

Samuel stand aufgeregt gestikulierend und in scheinbar allen Sprachen der Welt durcheinander sprechend, und ich folgte ihm in die Wohnung meiner Nachbarin, die ja auch seine war.
Da lag sie im seidenen dunkelroten Hausrock mit einem sehr friedlichen Gesichtsausdruck und war so tot, wie es toter nicht ging.

Natürlich kümmerte ich mich um Samuel wie um einen Sohn, wo ich doch selbst keinen besaß.
Am Ende standen wir im deutschen Regen gemeinsam am Grab meiner Nachbarin, und Samuel weinte. Ich aber wurde nachdenklich und bin es eigentlich heute noch.

Samuel erbte ein nach kenianischen Verhältnissen sagenhaft großes Vermögen, denn meine Nachbarin hinterließ keine deutsche Familie.

Ihre afrikanische Familie aber lebt bis heute glücklich. Sie kauften sich ein kleines Hotel in der Nähe von Mombasa, von Malindi, in Turtle bay, um es genau zu sagen, direkt am Indischen Ozean.
Ich fliege einmal im Jahr dorthin in den Urlaub und suche den Moment des Glücks: Das leuchtende Rot.
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11
Jan
2012

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Meine Liebe, Africa

Eine kleiner Ausschnitt aus den Erlebnissen des Melchior B. in Afrika, genau gesagt, in Kenia oder Kenya, wie es in der Landessprache heißt: Kenya in Africa. Und so heißt auch mein Roman, den ich noch dieses Jahr ebenfalls gedruckt anbieten werde, auch zum Kauf als e-book bei epubli... also demnächst "Meine Liebe, Africa"... bisher erschienen sind "Der alte Mann und das Mädchen", sowie "Die Liebe des Pianisten"

https://www.epubli.de/shop/buch/alte-Mann-M%C3%A4dchen-Harald-Fimmel-9783844205480/7947

http://www.epubli.de/shop/buch/Liebe-Pianisten-Harald-Fimmel-9783844205398/8062




- Ausschnitt -

Happy New Year“, wünschte ich ihr mit fester Stimme.
Sie verstand es sogar.
„Happy New Year.“
Mama Jane hatte Tränen in den Augen. Doch ich wollte ihr auch zeigen, dass ich sie irgendwie verstand. Was musste diese alte Frau nicht alles durchmachen in ihrem Leben? Jane und ich verharrten Arm in Arm, und Charles und Kennedy standen dabei, und wir winkten dem Auto nach.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Alle schliefen, aber meine Gedanken kreisten in sorgenvollen Spiralen. Ich setzte mich wieder in die Küche und öffnete den Kühlschrank und stellte fest, es war kein Bier da. Verdammt, sie haben alles ausgetrunken, dachte ich. Und zu einer Zigarette schmeckte mir nun mal am besten das Bier. Es war vielleicht zehn oder elf Uhr in der Nacht. Ich ging auf leisen Sohlen ins Schlafzimmer und sah, unten in der Gaststätte leuchteten noch die Lampen. Ich beschloss nach unten zu gehen und dort ein Bier zu trinken. Jane gab mir immer etwas Geld, so fand ich in meiner Hosentasche noch fünfhundert Schillinge. Ein Bier aber kostete hundert Schilling. Also zog ich mich geräuschlos an, steckte die Zigaretten ein und verließ das Appartement mit dem Schlüssel in der Tasche. Ich ging das Treppenhaus hinunter. An der Rezeption saß eine Frau, und vor dem Eingang des Hotels standen zwei Hünen, zwei Wachmänner. Ich wollte hinausgehen. Sorgenvoll fragten sie mich, wohin ich wolle, ich verstand sie sogar.
„I want in the Restaurant and drink a beer.”
Und auch sie verstanden mich.
„Wait, wait.“
Ich begriff nichts, ich brauchte doch nur hinausgehen über den großen Parkplatz, und von dort aus fand ich den Eingang zum Restaurant, direkt in die Freianlage. Wo war das Problem? Einer der beiden Wachmänner eilte in einen hinteren Raum und kam mit einem Schlüssel zurück. Er öffnete eine Tür gleich links neben der Rezeption. Jetzt erst begriff ich, dass dies die Tür war, die ich schon oft gesehen hatte, wenn ich im Innenraum der Gaststätte zur Toilette ging. Es gab also einen direkten Zugang vom Hotelinneren in die Gaststätte. Ich grinste, man war hier offensichtlich sehr besorgt, um einen weißen Mann. Der Weg über den Parkplatz im Dunkeln wurde scheinbar zu gefährlich. Durch die Tür kam ich in den oberen Innenraum des Restaurants. In der Mitte führte eine breite dreistufige Treppe nach unten, und dort tobte das Leben. Hier oben war es ziemlich ruhig. Im Restaurant neben der geheimnisvollen Tür saß eine ältere Dame, die anscheinend den Gang nach links zu den Toiletten überwachte. Na klar, dachte ich, eines der jungen Mädchen könnte ja dort mit einem Touristen einiges anstellen. Hier wurde alles überprüft.
Wenn schon, denn schon. Der weiße Tourist konnte das Girl seiner Träume auf sein Hotelzimmer führen, wie in ein Brautgemach. Aber zuvor musste die Tür für beide geöffnet werden, und die Wachmänner, die Dame an der Rezeption erwarteten natürlich für die Gefälligkeit ein kleines Trinkgeld. Nein, in Kenya gab es keine Prostitution, In Kenya, dem Land der Korruption unter Moi.
An der Wand standen kleine Tische mit zwei Stühlen in einer Reihe. Ich setzte mich, nachdem ich freundlich die alte Dame begrüßt hatte, an einem dieser Zweistuhltische. So hoffte ich, konnte ich ungestört ein Bier trinken, um dann wieder durch die Geheimtür ins Hotel zu verschwinden. Der Wachmann hatte mir erklärt, dass ich nur klopfen brauchte, und schon würde mir geöffnet.
Sofort kam ein Kellner, schnell hatte ich mein Tusker. Relativ unbeobachtet konnte ich selbst beobachten. Unten befand sich der halbrunde Tresen, und dort ging es gedrängelt voll zur Sache. Um jeden weißen Touristen scharten sich die Mädchen. Aber auch in den Nischen, die wie kleine Häuschen aussahen saßen die Gäste. In einer Nische entdeckte ich sogar den Inder. Er saß anscheinend mit seinen Freunden und winkte mir zu, ich erwiderte freudig das Winken. Bei den Indern saßen keine Mädchen. Aber das hatte mir dereinst schon Jane in Deutschland erzählt, es gibt viele Inder in Kenya, doch sie sind nicht beliebt. Die Deutschen aber sind sehr beliebt, aus welchen Gründen auch immer. Ich ließ mich auf keinen Kontakt mit den Mädchen ein, so anzüglich sie auch zu mir lächelten. Ich wollte in Ruhe mein Bier trinken und das Treiben beobachten, um mich von meinen finsteren Gedanken abzulenken.
Da sah ich gegenüber, fast versteckt an einem Pfeiler jemand stehen, der auch so gedankenverloren das Geschehen im Restaurant beobachtete. Dieser Jemand war aber eine Frau und unsere Blicke trafen sich. Mich jedoch durchfuhr ein tiefer Schreck. Wie hieß es so schön bei dem großen Meister, dessen Werk ich manchmal tagsüber las, und von dessen Werk ich mich verzaubern ließ:
Sie standen sich „mit ernstesten Gesichtern gegenüber“. Dies hier war aber kein Brunnen in staubiger Luft mit Massen von Schafen, die getränkt werden wollten. Dies hier war ein Ort zum Lachen und Scherzen, zum Kennen lernen und vielleicht noch manches mehr.
So konnte ich nicht sagen, wer von uns beiden als erstes begann zu lächeln, aber ich konnte sagen: ihre Augen leuchteten. Schnell sah ich weg und wendete mich wieder meinem Bier zu. Ich hatte doch Jane, und ich wollte keines dieser leicht zu habenden Mädchen gewinnen zum Liebesspiel.
Als ich wieder hoch schaute, stand sie unten an der Treppe, sah mich fragend an und zeigte mit dem Finger auf ihre leere Bierflasche. So begannen hier die Mädchen meist den Kontakt mit den alten Männern aus Europa. Ich wehrte mit der Hand ab, doch ich konnte meinen Blick nicht lassen.
„Rahel war hübsch und schön.“
Diese Worte fielen mir ein, und ich zitterte vor Angst, ihrer Schönheit zu verfallen.
„No, no.“
Doch sie ging nicht, und meine Augen versanken in ihren und mein Mund lächelte, da sie auch lächelte. Sie war schwarz, wie ich hier noch keine gesehen hatte. Um den Kopf trug sie ein gelbes Tuch. Ein kurzärmliger Pulli ließ ihre Schultern und Arme frei, Schultern und Arme, wie er sie noch nie so schön erblickte. Ihre Augen funkelten, sie hatte die niedlichste kleine Stupsnase der Welt, so erschien es mir, und sie lachte, ihre Zähne strahlten weiß, wie eine Perlenschnur.
„Rahel war hübsch und schön!“
„Sie war es auf zugleich pfiffige und sanfte Weise, von der Seele her, man sah – dass Geist und Wille, ins Weibliche gewendete Klugheit und Tapferkeit hinter dieser Lieblichkeit wirkten und ihre Quelle waren: so voller Ausdruck war sie und schauender Lebensbereitschaft.“
Ich blieb hart. „No, no, no.”
Und sie wendete sich enttäuscht ab. Ich aber rief rasch nach dem Kellner, um zu bezahlen und durch die geheime Tür diesen Ort des Lasters zu verlassen. Als ich mich ins Bett legte, sah ich Jane von der Seite an. Da dachte ich, wenn ich eben dort unten Rahel sah, dann sehe ich jetzt Lea. Es hatte mich erwischt. Ich denke, ich nahm mir die falsche Lektüre mit. Doch hätte ich Goethes Faust mitgenommen, so hätte ich wahrscheinlich das Gretchen entdeckt, gegen die Liebe gibt es kein Mittel... Aidah-Afrika1
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