Der alte Fritz spielt Schach
*gg* Diese Geschichte ist genau ein Jahr alt und stand am 24.05.2012 in diesem Blog - und hatte 2013 Zugriffe und keinen einzigen Kommentar. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht warum? Ach, lesen Sie doch selbst...
Die Hitze klebt wie zäher Honig über die Stadt gegossen, in der Luft steht alles still. Die Katze döst den ganzen Vormittag schon, als hätte sie Rauschgift gefrühstückt, draußen quietscht ein einsamer Kran auf der Baustelle gegenüber… doch die Bauarbeiter sitzen unter dem Schatten von Akazien in der Straßenkneipe weiter oben und machen eine Mittagspause. Sie schweigen, schwitzen und warten auf ihre Schnitzel… manchmal summt ein Handy wie ein Mückenschwarm…
Der alte Fritz schaut vom Balkon, die Hitze schnürt ihm die Luft ab. Er geht hinein in die Wohnung hinten ins Arbeitszimmer, die Katze blinzelt noch nicht einmal, wenn er vorbei geht. Wann kommt endlich ein Gewitter?
Das Telefon klingelt.
Fritz hebt ab und verdreht gequält die Augen. Eine Frauenstimme schießt Wörter aus der Hörmuschel wie eine Maschinengewehrsalve, denken Frauen nicht beim Sprechen?
„Hören Sie“, sagt Fritz und knarzt möglichst unwirsch, „ich bin hochgradig schwerhörig, da müssen Sie schon langsamer sprechen…“ er kann sich das leisten, denn er ist schon 67 Jahre alt und hat die Rente erreicht.
„Entschuldigen Sie“, antwortet die Frau und versucht langsamer zu sprechen, „wir sind von einem Meinungsforschungsinstitut und würden gern eine Umfrage mit Ihnen machen, spreche ich mit Herrn Fritz Meyer?“
„Haben Sie schon gestern, vorgestern und vorvorgestern hier angerufen und sind auf meinem Anrufbeantworter gelandet?“ fragt Fritz streng.
Jetzt stutzt die Frau das erste Mal:
„Ich weiß nicht, es kann sein, ein Kollege von mir hat es versucht…“
Fritz unterbricht sie möglichst unfreundlich:
„Wenn Sie auf einen Anrufbeantworter landen, haben Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer zu nennen, Ihr Anliegen zu erklären und natürlich auch zu verraten, wie Sie heraus bekommen haben, dass in meinem Beispiel Fritz Meyer genau diese Telefonnummer hat, ansonsten hat das alles den Anschein von Unseriosität, dass nämlich hinter Ihnen eine Firma steckt, die es darauf abgesehen hat, Menschen per Telefon abzuzocken, haben Sie das verstanden?“
Die Frau stutzt etwas länger. Auf einmal sagt sie.
„Ja.“
„Was ja?“
„Ich habe das verstanden, und Sie haben völlig Recht mit Ihrem Verdacht – aber würden Sie trotzdem die Umfrage mit mir machen?“
Jetzt stutzt Fritz.
„Und warum sollte ich das tun?“
Die Frau scheint Mut zu schöpfen.
„Wissen sie, es geht um meine Existenz, ich lebe hier in Athen, meine Wohnung ist die Hinterbank meines alten Opels, meine Kinder leben auf dem Land bei meiner alten Mutter, wir haben allen nichts zu essen, in diesem Büro hier ist es stickig und heiß“, sie senkt etwas die Stimme und raunt flehend aus der Hörermuschel…“machen sie die Umfrage mit mir?“
Fritz lacht auf.
„Das haben Sie aus der Talkshow gestern Abend, in der auch Lafo… war und der griechische Journalist, Sie sollten das Elend unserer griechischen Mitmenschen nicht für Ihren schändlichen Job missbrauchen!“ Und legt auf.
Anschließend schlurft er in die Küche und kocht sich eine Tütensuppe… draußen hämmern inzwischen wieder die Bauarbeiter und schleifen und rufen sich etwas zu wie Seehunde auf den Klippen eines Ozeans, nur dass es da nicht so warm ist.
Der alte Fritz schließt die Balkontür. Seine Laune steigert sich ins Misslaunige wie das Fieberthermometer eines Kranken…
Gestern zeigten sie fette alte deutsche Frauen im Bikini am Nordseestrand, welche dem Reporter ins Mikrofon raunzten, dass Deutschland den Griechen schon genug Milliarden geschenkt hätte, einmal müsse Schluss sein, und nie würden sie dort ihren Urlaub machen… es fehlte eigentlich nur noch der Rassist Dieter Nuhr, der seine unpassenden Witze riss über griechische Esel in griechischen Bergen…
Der alte Fritz geht an den Computer ins Internet. Er sieht sich dort eine junge nackte Frau an und schüttelt über sich selbst den Kopf, dass vor Jahren ihn noch so etwas interessierte, als wäre er damals in eine Art Wahn…
Resigniert ruft er ein Schachprogramm einer großen Internetzeitung auf und wählt den Schwierigkeitsgrad „sehr leicht“, um seine schlechte Laune wieder in eine gute zu kehren.
Was ist das Leben? Ein Jojo-Spiel, mal geht es hoch, mal geht es runter.
Er wählt die selbst unter Kindern bekannte Schacheröffnung „Schäferzug“, schon nach zehn Zügen war er besiegt und zwar so schnell, dass es sich nur um einen Schachcomputer handeln konnte, gegen den er da angetreten war. Von wegen „sehr leicht“
„Alles Betrüger“, murmelt Fritz und schaltet die Kiste aus, geht auf die Couch immer noch missgelaunt. Er nimmt sich die Zeitung vor. Natürlich schreiben Sie über Lafo und ob seine Sarah nun Parteivorsitzende werden würden wollen … der alte Lafo ist doch älter als ich, was muss der sich eigentlich so ‘ne Junge suchen? Nur um der Welt zu zeigen, was er für ein toller Hecht und Lebenskünstler ist? denkt der 67-jährige Fritz…
Der alte Fritz legt die Zeitung beiseite, setzt sich in den Sessel und raucht eine Zigarre…
Nach dem Gewitter…
Am Abend ist er immer noch grantig. Obwohl sich über die Baustelle die Ruhe legt wie ein kühler Schlaf und die Luft draußen auf dem Balkon ihm mit einer gewissen Zärtlichkeit die graue Glatze küsst. Die Katze jagt Fliegen…
Fritz beschließt auf ein Bier zu gehen.
Emma heißt zwar nicht Emma, aber ihre Mutter hieß so. Jetzt kellnert die Tochter bei Kamenke und hat den Namen geerbt.
„Emma, bring mir ‘nen Helles und ein Kompott“, knarzt Fritz und lehnt sich zurück.
„Geht klar, Fritz“ zwitschert Emma mit der unverwüstlich guten Laune eines jungen Spatzen.
Ein Kompott ist ein Schnaps, ein Klarer.
Emma stellt die vollen Gläser vor ihn hin.
„Sag mal, drinnen sitzt jemand, der würde dich gern kennen lernen, ist auch schwerhörig…“
„Aber keine Frau und kein Grieche“, knarzt Fritz.
„Nein, einer aus Aserbaidshan“, zwitschert Emma.
Wenig später sitzt dem Fritz gegenüber ein junger schwarzhaariger Mann mit schwarzen Augen…
„Kann kein gut Deutsch“, sagt er und hebt bedauernd die Hände, „aber auch nicht gut hören.“
Er hebt die Hände wie ein tanzender Pinguin und lacht.
„Schach?“ fragt Fritz.
„Gern“, sagt der junge Mann.
„Emma, bringst mal ein Schachspiel?“ ruft Fritz.
Wenig später eröffnet der junge Mann die Partie mit dem Schäferzug.
Fritz schmunzelt, trinkt noch ein Kompott, zündet sich eine Zigarre an, jetzt hat er eine gute Laune und zieht einen Bauern.
Was er aber noch nicht weiß, ist, wie hervorragend die jungen Männer aus Aserbaidshan Schach spielen können…
Die Hitze klebt wie zäher Honig über die Stadt gegossen, in der Luft steht alles still. Die Katze döst den ganzen Vormittag schon, als hätte sie Rauschgift gefrühstückt, draußen quietscht ein einsamer Kran auf der Baustelle gegenüber… doch die Bauarbeiter sitzen unter dem Schatten von Akazien in der Straßenkneipe weiter oben und machen eine Mittagspause. Sie schweigen, schwitzen und warten auf ihre Schnitzel… manchmal summt ein Handy wie ein Mückenschwarm…
Der alte Fritz schaut vom Balkon, die Hitze schnürt ihm die Luft ab. Er geht hinein in die Wohnung hinten ins Arbeitszimmer, die Katze blinzelt noch nicht einmal, wenn er vorbei geht. Wann kommt endlich ein Gewitter?
Das Telefon klingelt.
Fritz hebt ab und verdreht gequält die Augen. Eine Frauenstimme schießt Wörter aus der Hörmuschel wie eine Maschinengewehrsalve, denken Frauen nicht beim Sprechen?
„Hören Sie“, sagt Fritz und knarzt möglichst unwirsch, „ich bin hochgradig schwerhörig, da müssen Sie schon langsamer sprechen…“ er kann sich das leisten, denn er ist schon 67 Jahre alt und hat die Rente erreicht.
„Entschuldigen Sie“, antwortet die Frau und versucht langsamer zu sprechen, „wir sind von einem Meinungsforschungsinstitut und würden gern eine Umfrage mit Ihnen machen, spreche ich mit Herrn Fritz Meyer?“
„Haben Sie schon gestern, vorgestern und vorvorgestern hier angerufen und sind auf meinem Anrufbeantworter gelandet?“ fragt Fritz streng.
Jetzt stutzt die Frau das erste Mal:
„Ich weiß nicht, es kann sein, ein Kollege von mir hat es versucht…“
Fritz unterbricht sie möglichst unfreundlich:
„Wenn Sie auf einen Anrufbeantworter landen, haben Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer zu nennen, Ihr Anliegen zu erklären und natürlich auch zu verraten, wie Sie heraus bekommen haben, dass in meinem Beispiel Fritz Meyer genau diese Telefonnummer hat, ansonsten hat das alles den Anschein von Unseriosität, dass nämlich hinter Ihnen eine Firma steckt, die es darauf abgesehen hat, Menschen per Telefon abzuzocken, haben Sie das verstanden?“
Die Frau stutzt etwas länger. Auf einmal sagt sie.
„Ja.“
„Was ja?“
„Ich habe das verstanden, und Sie haben völlig Recht mit Ihrem Verdacht – aber würden Sie trotzdem die Umfrage mit mir machen?“
Jetzt stutzt Fritz.
„Und warum sollte ich das tun?“
Die Frau scheint Mut zu schöpfen.
„Wissen sie, es geht um meine Existenz, ich lebe hier in Athen, meine Wohnung ist die Hinterbank meines alten Opels, meine Kinder leben auf dem Land bei meiner alten Mutter, wir haben allen nichts zu essen, in diesem Büro hier ist es stickig und heiß“, sie senkt etwas die Stimme und raunt flehend aus der Hörermuschel…“machen sie die Umfrage mit mir?“
Fritz lacht auf.
„Das haben Sie aus der Talkshow gestern Abend, in der auch Lafo… war und der griechische Journalist, Sie sollten das Elend unserer griechischen Mitmenschen nicht für Ihren schändlichen Job missbrauchen!“ Und legt auf.
Anschließend schlurft er in die Küche und kocht sich eine Tütensuppe… draußen hämmern inzwischen wieder die Bauarbeiter und schleifen und rufen sich etwas zu wie Seehunde auf den Klippen eines Ozeans, nur dass es da nicht so warm ist.
Der alte Fritz schließt die Balkontür. Seine Laune steigert sich ins Misslaunige wie das Fieberthermometer eines Kranken…
Gestern zeigten sie fette alte deutsche Frauen im Bikini am Nordseestrand, welche dem Reporter ins Mikrofon raunzten, dass Deutschland den Griechen schon genug Milliarden geschenkt hätte, einmal müsse Schluss sein, und nie würden sie dort ihren Urlaub machen… es fehlte eigentlich nur noch der Rassist Dieter Nuhr, der seine unpassenden Witze riss über griechische Esel in griechischen Bergen…
Der alte Fritz geht an den Computer ins Internet. Er sieht sich dort eine junge nackte Frau an und schüttelt über sich selbst den Kopf, dass vor Jahren ihn noch so etwas interessierte, als wäre er damals in eine Art Wahn…
Resigniert ruft er ein Schachprogramm einer großen Internetzeitung auf und wählt den Schwierigkeitsgrad „sehr leicht“, um seine schlechte Laune wieder in eine gute zu kehren.
Was ist das Leben? Ein Jojo-Spiel, mal geht es hoch, mal geht es runter.
Er wählt die selbst unter Kindern bekannte Schacheröffnung „Schäferzug“, schon nach zehn Zügen war er besiegt und zwar so schnell, dass es sich nur um einen Schachcomputer handeln konnte, gegen den er da angetreten war. Von wegen „sehr leicht“
„Alles Betrüger“, murmelt Fritz und schaltet die Kiste aus, geht auf die Couch immer noch missgelaunt. Er nimmt sich die Zeitung vor. Natürlich schreiben Sie über Lafo und ob seine Sarah nun Parteivorsitzende werden würden wollen … der alte Lafo ist doch älter als ich, was muss der sich eigentlich so ‘ne Junge suchen? Nur um der Welt zu zeigen, was er für ein toller Hecht und Lebenskünstler ist? denkt der 67-jährige Fritz…
Der alte Fritz legt die Zeitung beiseite, setzt sich in den Sessel und raucht eine Zigarre…
Nach dem Gewitter…
Am Abend ist er immer noch grantig. Obwohl sich über die Baustelle die Ruhe legt wie ein kühler Schlaf und die Luft draußen auf dem Balkon ihm mit einer gewissen Zärtlichkeit die graue Glatze küsst. Die Katze jagt Fliegen…
Fritz beschließt auf ein Bier zu gehen.
Emma heißt zwar nicht Emma, aber ihre Mutter hieß so. Jetzt kellnert die Tochter bei Kamenke und hat den Namen geerbt.
„Emma, bring mir ‘nen Helles und ein Kompott“, knarzt Fritz und lehnt sich zurück.
„Geht klar, Fritz“ zwitschert Emma mit der unverwüstlich guten Laune eines jungen Spatzen.
Ein Kompott ist ein Schnaps, ein Klarer.
Emma stellt die vollen Gläser vor ihn hin.
„Sag mal, drinnen sitzt jemand, der würde dich gern kennen lernen, ist auch schwerhörig…“
„Aber keine Frau und kein Grieche“, knarzt Fritz.
„Nein, einer aus Aserbaidshan“, zwitschert Emma.
Wenig später sitzt dem Fritz gegenüber ein junger schwarzhaariger Mann mit schwarzen Augen…
„Kann kein gut Deutsch“, sagt er und hebt bedauernd die Hände, „aber auch nicht gut hören.“
Er hebt die Hände wie ein tanzender Pinguin und lacht.
„Schach?“ fragt Fritz.
„Gern“, sagt der junge Mann.
„Emma, bringst mal ein Schachspiel?“ ruft Fritz.
Wenig später eröffnet der junge Mann die Partie mit dem Schäferzug.
Fritz schmunzelt, trinkt noch ein Kompott, zündet sich eine Zigarre an, jetzt hat er eine gute Laune und zieht einen Bauern.
Was er aber noch nicht weiß, ist, wie hervorragend die jungen Männer aus Aserbaidshan Schach spielen können…
HARFIM - 23. Mai, 12:00
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