17
Mai
2012

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Traumbild 4 - Opatag

Er läuft schnell wie der Wind, durch Straßen, Schluchten, Häuser. Er kommt nicht außer Atem. Er muss zu einem bestimmten Termin pünktlich sein. Ein Radio ist eingeschaltet. Um welchen Termin geht es? Warum ist es so wichtig?
Jemand sagt eine Frau an, die einen Text vortragen wird. Einen eigenen Text. Er möchte ihn hören. Die Frau ist seine Tochter, jetzt fällt es ihm ein.
Was hat sie zu sagen?
Jeder will von ihr etwas hören.
Sie spricht auf einmal mit ihm am Telefon.
Ja, ich lese einen Text vor, sagt sie.
Was für einen Text, fragt er.
Der ist doch von dir, sagt sie.
Und nun läuft er schnell wie der Wind. Die Treppen hoch. Ein Raum. Da steht das Radio.
Und er hört.
Er hört wie sie weint. So unendlich unglücklich. Verzweifelt über sich selbst.
Alle erwarten einen Text von mir, schluchzt sie, und ich wollte einen Text von meinem Vater vorlesen und habe nur leeres Papier mitgebracht.
O Gott, er hört das Weinen aus dem Radio und krümmt sich voller Mitleid.
Das arme Kind.
Aber, jetzt ist er wieder am Telefon, ich hatte doch gar keinen Text für dich geschrieben.
Du hast es vergessen, sie zieht die Nase hoch und lacht... da wacht er auf.
Er dreht sich auf die Seite und öffnet die Augen.

Die Katze sitzt da wie eine Skulptur aus schwarzem Stein. Nur ihre Augen sind hell, gelb und grün. Diese Augen schauen ihn an. Er schaut zurück.
Und beschließt, noch mal zu schlafen, vielleicht fällt ihm was Schönes ein.
Nach einer Weile öffnet er die Augen.
Die Katze sitzt immer noch da und schaut ihn an.
Ich stehe noch nicht auf, sagt er.
Und macht seine Augen wieder zu.
Wenig später poltert es. Irgendwo hat die Katze randaliert.
Er öffnet die Augen. Ja, sie ist weg.
Da steht er auf.

Später telefoniert er mit seiner Tochter.
Aber sie reden nicht lange.
Erst ist der älteste Enkel dran, er spielt ihm auf der Gitarre vor.
Dazwischen fragt die Mutter und Tochter, hast du das Lied erkannt?
Nein, sagt er, aber es war schön, er soll immer schön weiter üben.
Dann kommt der zweite Enkel und singt ihm ein englisches Lied vor.
Das war schön lustig, sagt er.
Geht es dir gut, fragt er den Kleinen.
Ja, Opa, antwortet er, es geht mir gut.
Fein, sagt er.
Dann ist wieder seine Tochter dran.
Die Kleine will auch noch telefonieren, sagt sie.
Dann hört er die Kleine.
Opa, Opa, Opa Opa... wie eine Tonleiter.
Als die Tochter wieder dran ist, sagt er, wir müssen jetzt aufhören, das wird zu teuer, grüße den Vater und Ernährer.
Und legt auf.
Eigentlich, überlegt er sich, wollte ich ihr ja den Traum erzählen, aber das ist nicht so wichtig.
Sie kann ihn ja lesen.
Und im Radio muss sie ihn nicht unbedingt vorlesen... nein, das nicht.

Schnappschuss-von-mir-1-1-1
26

16
Mai
2012

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gestern bei Maischberger

Wenn sie mal richtig lachen wollen, achten Sie auf Matussek :-)) die arme Sandra

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/311210_menschen-bei-maischberger/10542266_die-salafisten-kommen

unabhängig davon sollte man besser alle Religionsprediger, ob Moslem, Katholiken oder sonstwen auf den Mond schießen... was bitte sehr hat "Glauben" mit Vernunft zu tun?
60

15
Mai
2012

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Abschiede

Es ist kühl, erfrischend und die Zweige der Bäume draußen tanzen im Wind. Die Luft streicht durch die offene Balkontür herein.
Ich lese einen fünf Jahre alten Text über Abschiede.


Es ist ganz still und gleich Mitternacht. Die Kranke fiebert, und ich wechsle Wadenwickel. Auf ihrer Stupsnase glänzen winzige Schweißperlen.
Die kleine Lampe beleuchtet die Tastatur und mein Tippen klingt wie klappernde Hölzer im afrikanischen Busch. Draußen ist es gar nicht kalt, ich habe im Krankenzimmer die Balkontüren weit aufgerissen. Kein Auto fährt hier in der Gegend. In den Häuserschluchten schimmern gelbe Fenster wie Laternen von Leuchttürmen, als wäre ich auf hoher See. Manche Fenster flackern nervös mit blauen Lichtern aus den Fernsehapparaten. Am Himmel steht ein einzelner Stern.
Ich muss noch wachen und warten, ob das Fieber sinkt.
Ich bin ganz allein auf der Welt und fühle eine leichte Wehmut, als wäre irgendwo eine gute Freundin oder ein guter Freund gestorben. Mich erreicht es nur als eine unbestimmte Ahnung, vielleicht bringt sie der einzelne Stern.

So oft hatte ich Abschied genommen im Leben und manchmal war es mir bewusst, es war für immer. Die Tränen eines homosexuellen Freundes zum Beispiel, dessen Neigung ich nicht erwidern konnte, ich hatte ihn vorsichtig umarmt. Er war dann zur See gefahren, und einmal erhielt ich noch eine Karte aus Rio de Janeiro. Dann nichts mehr, das ist schon ein kleines Leben her...

Aus dem Flur dringen Geräusche von Schritten durch die geschlossene Wohnungstür und ein Schlüssel klappert in einem Schloss. Die Nachbarn kommen spät aus dem Garten, sie haben den Stau auf den Zufahrtsstraßen vermieden und die Nacht gewählt.

Jetzt ist es wieder still. Ich bewache das ganze Haus, nicht nur die Kranke.

Der Stern kann auch künden von irgend einer Liebsten, von Abschiedsküssen, als wolle man noch einmal das ganze satte Leben trinken in vollen Zügen, weil, es ist das letzte Mal. Es war so oft das letzte Mal. Die sommersprossige Tschechin im Zirkuswagen, draußen plätscherte der Regen und zwischen den einzelnen Liebesakten hörten wir Chopin. Oder die rothaarige Slowakin, mit der ich Liebe machte auf einer Parkbank vor einem riesengroßen Lenindenkmal. Sein ausgestreckter Arm beschützte uns irgendwie. Die schwarzäugige Ungarin... oder die oder jene...

Die Mutter meiner Tochter, eine letzte Umarmung, sei stark, wir weinten. Und ich wusste, dass sie eine Verlorene ist ohne mich. Ich gehe auf den Balkon und schaue nach oben, der Stern ist verschwunden.

Acht Monate lebte ich mit der Jane, der Kikuyu, die für mich ihren Mann verließ. Wir waren liebestoll und lachten wie die Kinder vom Morgen bis zum Abend und manchmal noch die ganze Nacht. Einmal sagte ich ihr, was auch noch geschieht, das waren die schönsten acht Monate meines Lebens. Und das ist bis heute wahr. Zum Abschied wollte sie mich erstechen...

Und Aidah, die Uganderin, nie sah ich eine schönere Frau. Ein letztes Mal, sagte sie am Strand des Indischen Ozeans in der warmen Nacht, und durch ihre schwarzen Finger rieselte der Sand, ein letztes Mal lass uns Liebe machen...

Und die Kranke, als sie noch gesund war. Einmal flog sie nach Kenia, um die Kinder zu besuchen. Wir umarmten uns am Flughafen zum Abschied, ich erinnere mich, wie ich langsam heim ging. Ich war eigentlich überzeugt, dass sie nicht wieder zurückkommt, das habe ich ihr nie erzählt. Sie kam zurück und wir erlebten noch vier wundervolle Monate, bis zu dieser Nacht, in der sie Blut spuckte...

Jetzt schaue ich noch einmal nach ihr, und wenn sie ruhig schläft, entferne ich die Wickel, gebe ihr einen Kuss und schließe das Fenster und geh auch schlafen, nicht jeder Abschied ist für immer... nach jeder Nacht kommt ein Morgen. Es kommt immer ein Morgen, bis wir Abschied nehmen von der Welt, dann bleibt es Nacht. Ich rauche noch ein Pfeifchen und lasse die Gedanken sich in Rauch auflösen...

Bis dahin ist noch viel Zeit, sage ich heute.
Jeder Abschied ist auch eine Chance für einen Neuanfang.
MorgenstundJa.
30

12
Mai
2012

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Gemeinsam allein im Internet

Eine wieder einmal wirklich gute Analyse von dem Autor Malte Wedding heute in der Berliner Zeitung gefunden:

http://www.berliner-zeitung.de/magazin/leben-in-zeiten-von-facebook-gemeinsam-allein-im-internet,10809156,15221430.html
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Flugplatzeröffnung am Sonntag in Tempelhof

Snapshot-of-me-10Der Samstag ist schön langweilig. Ich kann in Ruhe meine Zeitung lesen, ohne dass eine Frau von mir verlangt, dass ich die Schränke nach vorn rücke, damit sie dahinter wischen kann. O deutsche Frauen! Neulich las ich eine kleine witzige Kolumne von einer Frau mit dem sogenannten Migrationshintergrund, die Mutter von drei Kindern ist. Sie schreibt wahre Geschichten. Eines der Kinder bockte und versteckte sich in der Flurecke, um nicht spazieren gehen zu müssen. Da sagte sie doch tatsächlich zu dem Kleinen. „Warum stellst du dich in die Ecke, wo es so staubig ist!“
Na, das würde sich ja noch nicht mal eine grüne Politikerin trauen zu schreiben, wenn sie korrekt deutsch ist. Staubige Ecken im Flur! Da schüttelt es die deutsche Hausfrau…
Na ja.
Jedenfalls habe ich gestern mein Bett frisch bezogen, weil ich mich nicht mehr erinnern konnte, wann es das letzte Mal geschah. Und da die Katze und ich den Geruch vom Weichspüler so mögen, habe ich nach dem Beziehen erst gar nicht die Tagesdecke darüber gelegt, wegen der Katze… und natürlich sprang sie flugs ins Bett unter die Decke und schlief erst einmal schnüffelnd ein paar Stunden. Menschen müssen wegen dieses Glücks extra nach Holland fahren, um einen Kaffeeshop aufzusuchen…
Ich las Zeitung. Sie kriegen sich ja gar nicht ein wegen der ausgefallenen Flugplatzeröffnung. Mein Gott, ein paar Monate. Wie lange meine Fenster schon darauf warten, gestrichen zu werden!
Ich denke, ich sollte mal mit dem Nachbarn reden, dem jungen Studenten, der bei den Piraten ist. Er könnte doch so ein shitstorm auslösen, indem er mit seinen Freunden lostwittert.
„Flugplatzeröffnung findet schon am Sonntag statt! Auf dem still gelegten Flughafen Tempelhof!“
Und dann kommen sie alle, stellen Zelte auf, damit kein Licht auf die Bildschirme der Laptops fällt, setzen sich an langen Tischen, vielleicht werden noch Stromverteilungen mit Steckdosen aufgestellt. Denn was braucht ein Pirat mehr, um glücklich zu sein?
Und dann spielen sie Flugsimulatorspiele. Start und Landung.
Die Grünen bleiben alternativ und falten Papierflugzeuge, die verteilt werden.
FDP probiert auch Wahlkampf „Wählt doch, wen ihr wollt. Wenn wir fliegen, brauchen wir nicht unbedingt zu landen.“
Die Linken stellen Plakate auf „Wie viel Flüge kann sich ein Hartz 4 Empfänger denn überhaupt im Monat leisten?“
Wowi stellt sich hinter einem Currywurststand, grinst und sagt:
„Das ist die SPD, rot aber sexy.“ Und nimmt den Vorschlag eines Piraten auf, die neue Autobahn auch zur Chefsache zu erklären, damit das Projekt scheitert.
Und vielleicht kommt sogar die Kanzlerin zu einem Podiumsgespräch. Mit Twittern.
„Wozu brauche wir überhaupt das Flugwesen?“ wird dann gleich durch das Internet geshitstormt.
„Das ist ein interessanter Denkansatz, Die Abschaffung des Flugwesens sollten wir vom Ergebnis aus diskutieren, wir haben ja schließlich schon einiges abgeschafft. Wir brauchten dann unbedingt mehr Pferde…“ sagt dann die Kanzlerin.
Der Pope könnte ja noch einfliegen und den ganzen Laden segnen 25030220-bilder-papst-benedikt-9
Und tags darauf steht ‘s in der Zeitung, und ich habe wieder etwas zu lesen… ich muss mal beim Nachbarn klingeln.
Die Katze ist schon wieder im Bett verschwunden. Wie lange hält sich denn der Geruch vom Weichspüler?
139

10
Mai
2012

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Der Schatten

- eine alte seltsame Geschichte, die auf der Festplatte herum lungerte :-) -

Friedhelm hatte lange geschlafen, wie immer seit er die neuen Tabletten einnahm. Noch etwas schlaftrunken ging er eine halbe Stunde später, nachdem er sich ordentlich geduscht und rasiert hatte, vorsichtig die Treppe hinab. Der Briefkasten war voll, aber er öffnete ihn noch nicht. Erst, so beschloss er, gehe ich zum Bäcker und hole mir frische Brötchen.
Draußen nieselte es, doch die Luft und auch der kleine Regen meinten es gut mit ihm, nicht kalt, jedoch erfrischend. So fror Friedhelm nicht, aber wurde Schritt für Schritt munterer.
„Guten Morgen“, begrüßte Friedhelm mit fröhlichem Lächeln die Bäckersfrau.
„Guten Tag“, antwortete sie lächelnd, und jetzt lachte Friedhelm.
„Ach ja“, sagte er, „es ist ja schon Mittag, ich bin ein elender Langschläfer.“
Wie jedes mal kaufte er vier Brötchen, die sogar noch warm waren.
Als er wieder sein Haus betrat, öffnete er den Briefkasten. Die dicke Zeitung, voll mit Werbeprospekten und mehrere Umschläge quollen ihm entgegen. Die Prospekte warf er gleich in den bereitstehenden Pappkarton in der Ecke, die nun erheblich dünnere Zeitung klemmte er unter dem Arm. Er überflog die Briefumschläge; Es handelte sich ausschließlich um Mahnungen, wie ihm sein geschulter Blick verriet. Mit einem finsteren Grinsen klemmte er sie ebenfalls unter dem Arm, dort, wo sich schon die Zeitung befand.
Ein einzelner Zettel blieb übrig. Friedhelm sah ihn sich an.
Auf dem Zettel war mit schwarzer Tinte ein Messer gezeichnet, dunkelrote Bluttropfen hingen scheinbar von der Klinge abwärts, was einen sehr anschaulich schaurigen Eindruck erweckte.
Unten stand in ungelenker Schrift: „Heute Abend bist du fällig!“ Das Ausrufezeichen war ebenfalls rot gemalt.
Kopfschüttelnd sah sich Friedhelm den Zettel an, drehte ihn herum und besah auch die Rückseite. Er entdeckte keinen Namen oder ähnliches, das darauf hinwies, dass es sich hier um einen Werbezettel einer Messerfirma handelte.
Während er seinen Tee trank, ein noch warmes Marmeladenbrötchen aß, beschaute er sich immer wieder den eigenartigen Zettel.
„Seltsam“, murmelte er vor sich hin.
Dann wandte Friedhelm, während er die unvermeidliche Zigarette rauchte, sich der Zeitung zu.
Insgesamt entdeckte er keine weltbewegenden neuen Nachrichten, der eine Krieg war vorbei, die Folgen unübersehbar, von dem nächsten berichtete man noch nicht, ein Selbstmordattentäter hatte die neue Politik eines Führers irgend eines Landes provoziert. Friedrich dachte ein wenig darüber nach, ob das Wort „provoziert“ im Zusammenhang mit einem Selbstmordattentat besonders gut gewählt sei, dann überblätterte er die Kulturnachrichten, um schließlich auf den Sportseiten zur Kenntnis zu nehmen, dass der Bundestrainer im Fußball für das nächste Länderspiel über keine Spieler verfügte, da sie fast alle krank waren. Ist das eigentlich zulässig, dass man mit weniger als elf Spielern auf den Platz erscheint, überlegte Friedhelm kurz, um dann weiter zu dem Fernsehprogramm zu blättern.
Oh, dachte er beim Lesen, heute kommt „Wer wird Millionär“. Das schaute Friedhelm gern, hatte er doch beim Mitlösen der ausgetüftelten Fragen immer insgeheim das Gefühl selbst so schwerreich zu werden. Neulich wusste er die Antwort einer vierundsechzigtausend Euro-Frage, das war schon etwas.
Schließlich schloss Friedhelm die Zeitung. Er schaute wieder auf den Zettel mit dem von Blut triefenden Messer. Ist das nicht eine Morddrohung, überlegte er.
Friedhelm erwägte die Möglichkeit, die Polizei anzurufen. Aber er konnte sich denken, dass sie ihn auslachen würden. Er hörte in Gedanken schon die Stimme: „Mein lieber Mann, da hat sich einer einen Scherz erlaubt. Was meinen Sie, wenn wir wegen jeden solcher Scherze ausrücken würden. Wollen Sie vielleicht einen Personenschutz?“ Und Friedhelm stellte sich das Gelächter irgend eines vollgefressenen Polizeioberwachtmeisters vor.
Nein, überlegte sich Friedhelm, ich mache da gar nichts. Ich könnte meine Tochter Katja, die in Wirklichkeit Katharina hieß, anrufen, doch warum soll ich das Kind beunruhigen?
Friedhelm nahm den Zettel und warf ihn in den Mülleimer.
Dann zog er sich seinen Hausanzug an. Sein Hausanzug bestand aus einer alten zerbeulten Trainingshose, vier paar Socken, die er nacheinander über die Füße streifte, da brauchte er keine Hausschuhe. Und er legte das T-Shirt über den Kleiderständer, und sein nackter Oberkörper wurde angenehm weich gestreichelt von seinem Lieblingspullover. Diesen Pullover besaß er schon seit Jahrzehnten, doch er bestand aus wirklich guter Wolle und befand sich noch in einem hervorragenden Zustand. Er war in großen grau-weißen Karos gestrickt, und Friedhelm trug ihn für sein Leben gern. Früher trug er ihn zum Ski fahren, als er noch Ski fuhr, doch jetzt zog er ihn zu Hause an, auch bei warmem Wetter. In der geräumigen Altbauwohnung herrschte immer eine kühle Atmosphäre, wenn man wie Friedhelm vor allem saß oder lag. Friedhelm verfügte über verschiedene Möglichkeiten, den Tag zu verbringen, jedoch alle geschahen in Ruhe, im Sitzen oder Liegen, beileibe machte er kein Fitness oder ähnliche Anstrengungen mehr, die ihn unnötig erwärmt hätten.
Er wusste, dass sein Schwiegersohn Piet, der eigentlich Peter hieß, ganz scharf war auf diesen Pullover.
Einst erzählte Friedhelm der Tochter und dem Schwiegersohn, dass er an einem Roman schrieb, der schon auf fünfhundert Seiten angewachsen war.
„Papa“, sagte damals seine Katja, „worüber schreibst du denn, du hast doch gar nicht soviel erlebt, bisher jedenfalls.“
Friedhelm erklärte den beiden, dass der große moderne Roman der Weltliteratur noch bedeutend viel mehr Seiten enthielt, und dieser Roman handelte nur von einem einzigen Tag eines Mannes, den er in seiner Stadt erlebte. Friedhelm jedoch hatte einmal an einer Radwanderung durch die Oberlausitz teilgenommen, die eine Woche dauerte.
„Aus jedem Pedaltritt ergeben sich mehrere Seiten, wenn man dabei seine Gedanken über Gott und die Welt schweifen lässt.“
„Du schreibst also über Gott und die Welt?“ wollte seine Tochter wissen.
„Kann man so sagen“, antwortete Friedhelm ein wenig misstrauisch, erschien es ihm doch so, als wenn sich die beiden über ihn amüsierten.
„Dieser große Roman der Weltliteratur spielte der nicht in Belfast?“ fragte sein Schwiegersohn, dabei heimtückisch grinsend.
„Nein, in Dublin“, antwortete Friedhelm, und er knurrte geradezu.
Jedenfalls betrieb sein Schwiegersohn in seiner Freizeit das Hobby, Ölgemälde herzustellen, mehr schlecht als recht, und er ließ sich bei dem damaligen Gespräch dazu hinreißen, zu äußern, eines Tages möchte er den alten Skipullover Friedhelms erben, und wenn er diesen trüge, würde ihm das geniale Ölbild der Neuzeit gelingen, so auf der Ebene Pablo Picassos.
„So schnell, mein Lieber, habe ich noch nicht vor, das Zeitliche zu segnen, zuerst schreibe ich noch meinen großen Roman fertig.“
„Ich kann warten“, sagte dieser Kerl und ließ sein Feixen nicht aus dem Gesicht weichen.

Nun, wie jeden Tag nach dem Frühstück, begann Friedhelm seine hartnäckige Arbeit am Roman weiter zu führen. Dann hörte er sich zur Entspannung ein Konzert an, las ein wenig auf der Couch liegend.
Zum Abend kochte er sich ein kleines Mittagsmahl, denn Friedhelms Tage waren ja gemessen an den Abläufen der Tage von Normalbürgern, um acht Stunden verschoben. Anschließend sah er sich im Fernsehen das Ratespiel an. Diesmal lief es allerdings nichts so gut, und Friedhelm musste sich ehrlich eingestehen, er hätte noch nicht einmal die fünfhundert Euro-Frage geschafft.
Dann schaltete Friedhelm den Fernsehapparat aus und beschloss, noch ein wenig den Roman voranzutreiben. Doch, als er sich das vorhin Geschriebene durchlas, kam er zur Erkenntnis, das ist genug, für heute ist er an seinem Werk leer geschrieben.
Also, so dachte er bei sich, werde ich ein kleines Gedicht fabrizieren, als Auspendeln, als Entspannen von der gewaltigen Aufgabe, die er sich aufgebürdet hatte.
Friedhelm setzte sich an den Schreibtisch, legte sich ein Blatt Papier vor und überlegte.
Ja, wenn er sich die Gedichte auf der Internetseite, die er ab und an aufrief, vergegenwärtigte, waren sie doch fast alle voller Weltschmerz und sehr depressiv. Das ist nicht so erbaulich, grübelte Friedhelm, man müsste dem etwas Positives entgegensetzen. Und er schrieb mit seinem Stift auf dem Blatt Papier in großen Buchstaben: „Das Leben ist schön.“ Nachdem er diesen ersten Satz geschrieben, den Punkt gesetzt hatte, lehnte er sich zurück und grübelte, was eigentlich am Leben schön sei.
In diesem Moment klingelte es. Friedhelm stutzte. Er schlich auf seinen vier Paar Socken zur Wohnungstür. Ob die Nachbarin sich wieder eine Flasche Wein öffnen lassen wollte? Sie verfügte nämlich über keinen Korkenzieher.
Friedhelm öffnete die Tür, nicht ohne vorher im Spiegel im Flur noch einmal kontrolliert zu haben, dass seine paar Haare nicht wirr nach oben standen.
Zuerst sah er niemand. Das Licht im Treppenhaus war verglichen mit dem Licht seines Wohnungsflures sehr trübe, und Friedhelm blinzelte suchend.
Auf einmal wuchs ein riesiger schwarzer Schatten vor ihm auf, und eine Stimme, wie aus weiter Ferne, grollte:
„Bist du bereit?“
„Wozu?“ fragte Friedhelm verwirrt zurück.
Im gleichen Augenblick sah er schon das blitzende Messer auf sich zukommen. Friedhelm riss seinen Pullover hoch mit beiden Händen, so dass die Klinge sich in seinen nackten Bauch von unten bis oben in seine Brust, wahrscheinlich direkt in sein Herz bohrte. Der Schatten verschwand in das Nichts, aus dem er anscheinend gekommen war.
Friedhelm schloss die Tür und besah sich die Bescherung. Er zog das Messer aus der Wunde und nahm mit Erstaunen zur Kenntnis, es war sein Frühstücksmesser, mit dem er um die Mittagszeit die noch warmen Brötchen aufgeschnitten hatte. Er ging in die Küche und legte das blutende Messer auf den Tisch.
Kopfschüttelnd besah er sich das Blut, das auf den Fußbodenbelag tropfte.
Friedhelm überlegte, ob er seine Tochter anrufen sollte. Doch, er konnte sich denken, wie dieses Gespräch verlaufen würde.
Seine Tochter würde ihm anfangs zuhören und dann sagen: „Papa, noch morgen rufst du die Ärztin an und lässt dir neue Tabletten verschreiben.“
Und wenn Friedhelm mit röchelnder Stimme sagen würde: „Katja, ich verblute wie ein Schwein.“, würde sie kichern und antworten: „Gut, das kommt denn als deine letzten Worte auf den Grabstein.“
Nein, das wollte er weder seinem Kinde noch sich antun.
Ich werde, beschloss er, das Gedicht noch zu Ende schreiben und mich dann zum Sterben niederlegen, zur letzten Ruhe.
Und während sich zu seinen Füßen auf den hellen Dielen so nach und nach malerisch eine dunkelrote Lache bildete, dachte Friedhelm nach über die nächste Zeile.
Es gilt auch dann tapfer zu bleiben, wenn uns ein Schatten tötet, überlegte er und geriet ins Philosophische.
Einmal lehnte er sich noch zurück und grinste. Gut, dachte er, dass ich den Pullover nach oben riss, so blieb er wenigstens unversehrt, und sein Schwiegersohn wird später an ihm seine Freude haben, obwohl Friedhelm den Kerl eigentlich nicht leiden konnte.
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67

7
Mai
2012

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Das Schweigen legte sich über alles

- Auszug -

Das Schweigen legte sich über alles. Georg hatte bis dahin nie gedacht, dass Stille so spürbar sein kann. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Aber auch sonst verhielten sie sich betont ruhig. Beide. Bettina und er.
„Keiner wollte dem anderen eine Angriffsfläche bieten“, erzählte er Christa, als sie wieder einmal für sich allein waren in Christas Kneipe. Sie war zur Ablösung gekommen und gerieten ins Plaudern …
„Du hattest doch mal so eine Beziehung“, hatte sie ihn gefragt und etwas hintergründig gelächelt. In der Tat hatten er und Bettina sich hier kennen gelernt vor nun schon drei Jahren und Christa hatte das beobachtet.
Dabei war es schon seltsam damals, eigentlich kann man nicht davon sprechen, dass es zwischen Bettina und ihm gefunkt hätte, obwohl sie selbst das immer wieder behauptete. Bis zum Schluss. Trotz allem.
In unserm Alter funkt es nicht mehr, kommentierte er da nur lächelnd...

So lernten sie sich kennen:
Es gab eine Party, und er half Christa beim Ausschank für eine Betriebsfeier und Bettina war in diesem Betrieb eine so genannte Schreibkraft im Büro. Ansonsten gab es nur Männer, Maler und irgendwann waren fast alle betrunken, bis auf die Schreibkraft Bettina.
Es sind immer Momente in unserem Leben, an die wir uns erinnern und da war so ein Satz des Malermeisters in den Raum gebrüllt:
„Spaß muss sein, sprach Wallenstein – und schob die Eier gleich mit rein!“
Alle brüllten, ja johlten, bis auf drei Personen, die nüchtern waren. Bettina, Georg und Christa. Christa lachte zwar, aber eher spöttisch über diesen Haufen Männer, Georg blieb ernst, denn solche Sprüche fand er nie lustig, sogar nicht, als er früher selbst auf dem Bau war.
Ja, und Bettina sah ihn an, sie sah ihn auf eine spezielle Art an, fast fiebrig, beschwörend, nun lach du nicht auch noch, beschwor ihr Blick, bei so einem Scheiß. Und er erwiderte den Blick, nein über so einen Scheiß lache ich nicht… mit dem Erfolg, dass Bettina am Ende des Abends allein bei ihm am Tresen saß und sie redeten und redeten. Das war halt so ein Moment, genau genommen zwischen drei Personen, denn Christa sah und verstand alles. Christa hatte er später nach Hause geschickt, die trunkenen Männer waren auch heim gewankt… da war es nur noch eine Sache zwischen zwei Personen… wer kennt das nicht, einen langen Abend, der sich zu einer langen Nacht streckt, an dem sich zwei Menschen quasi ihr Leben erzählen?
Bettina begann Wein zu trinken und zwar viel Wein. Und Georg dachte, sie ist eine immer noch schöne Frau, die eine erwachsene Tochter hat, welche neuerdings bei sich einen Liebsten schlafen lässt, und diese immer noch schöne Frau Bettina mag den Schwiegersohn nicht, so etwas gibt es…
Es dämmerte bereits, als sie ihr Gespräch beendeten - und die U-Bahn fuhr nicht mehr. Er bot ihr galant an, bei ihm zu schlafen in dieser späten Sommernacht. Er hatte gar keine Gedanken dabei, welche manche so Hintergedanken nennen – und bereitete ihr ein Bett auf der Couch. Sie war weinselig, er lag im anderen Zimmer und wollte gerade einschlafen, da rief sie ihn, er möge kommen… er humpelte zu ihr und sie sah ihn mit glühenden Augen an,
„Weißt du, wir beide sind seelenverwandt“, flüsterte sie, „gute Nacht, du Lieber“. Er humpelte zurück zu seinem Bett und hatte immer noch keine Hintergedanken, oder wie das heißt...
Zwei Wochen danach, erzählte er Christa nebenbei:
„Die Bettina lebt jetzt bei mir“, „Wer ist Bettina?“ fragte Christa, „Na, die Frau neulich bei der Party der Maler“, „Ach die, schöne Frau, viel Glück für euch, du machst doch hier weiter, oder?“, „Aber natürlich, und gern“… da lächelte Christa nur, „So, so.“
Georg erzählte auch in den folgenden Wochen nichts von Bettina, nichts zu Christa, wozu auch…
doch er fühlte sich der Zuneigung Bettinas, die unübersehbar war, irgendwie verpflichtet.
Es dauerte vier Wochen, ehe Bettina und er das erste Mal Sex hatten. Das lief nicht gut, Bettina gab sich anfangs sehr leidenschaftlich, aber irgendwie hielt sie plötzlich inne, als begann sie ihn zu beobachten wie eine Kontrolleurin der Leidenschaft, er verstand das nicht… das zweite Mal gelang es besser, da waren sie schon fast zwei Monate zusammen, aber da geschah etwas eigenartiges, er ging nach dem Akt auf Toilette, kam zurück und legte sich neben sie, um sie in den Arm zu nehmen, da hörte er plötzlich ihre dunkle Stimme wie gequetscht:
„Na hast du deinen Dreck abgeladen, da musstest du gleich aufs Klo, stimmst?“
Das war wie eine Stimme im Wald, wenn man sich verirrt, so fremd vom eigentlich Bekannten…
„He, he“, sagte er nur, legte sich auf die Seite und schlief ein, ohne Bettina weiter zu beachten, dort im Dunklen, geschweige denn sie zu umarmen.
Von da an stand eine Scheu zwischen ihnen wie eine unsichtbare Wand aus unausgesprochenen Worten.
Zuerst redeten sie noch so, als wäre nichts geschehen, aber abends im Bett, hielt er sie kurz im Arm, drückte sie noch einmal, gab ihr einen Kuss und sagte.
„Gute Nacht, schlaf schön“, hörte: „du auch“ - und das war ‘s.
Sie redeten am Tag über Gott und die Welt, lachten, gingen mehrmals aus wie ein Paar eben – aber hatten keinen Sex mehr… Georg sah keinen Grund zu einer Initiative, Bettina aber wurde immer unzufriedener über diese scheinbare Normalität… er begann sich zu fühlen wie ein Soldat im Krieg, der sich auf verminten Boden bewegt und besonders vorsichtig auftritt… Bettina fragte, was so sei mit ihm, und er antwortete, nichts… und versuchte an der scheinbaren Normalität festzuhalten… aber sie hatten keinen Sex, nur diese seltsame Zeremonie am Abend vorm Einschlafen…
Die Explosion einer Mine geschah mitten am Tag beim Mittagessen… es gab Ente, und sie waren fröhlich als wären sie ein normales Paar, damals waren sie schon fünf Monate zusammen, er hielt die Keule in der Hand und knabberte daran voller Genuss, Bettina stutze, lachte, und tat es ihm nach mit ihrer Keule, plötzlich mitten im Verzehr würgte sie, sah ihn fast wütend, aber auch hilflos erschrocken an, warf ihre Keule zurück auf den Teller, eilte in die Toilette, und er hörte, wie sie sich übergab…
Zehn Minuten später saß sie ihm wieder gegenüber, hatte Tränen in den Augen.
"Was hast du für ein Problem?" fragte er verwundert.
"Der harte Knochen im Mund", antwortete sie.
Er lächelte nachsichtig.
"Sei nicht so gierig", versuchte er zu scherzen und widmete sich wieder seiner Entenkeule.
Die folgenden Worte ließ sie wie Glaskugeln auf den Küchenboden fallen und jede einzelne zerplatzte.
"Der Ekel, die Panik bis zur Erstickungsgefühlen, wenn man etwas hartes im Mund hat, sind eben ein typisches Anzeichen..."
Georg sah auf. "Wofür?"
Bettina sah ihn starr an.
"Wenn man als Baby missbraucht wurde..."
Georg nahm eine Serviette und wischte sich den Mund sauber... "stopp mal."
Und er sprang auf...


Christa hörte ihm zu.
"Diese schöne Frau Bettina wurde als Baby missbraucht? Von wem?"
"Von ihrem Vater."
"Jetzt schenke ich uns erst einmal einen Schnaps ein", sagte Christa und zog unter dem Tresen eine Flasche hervor, "und dann erzählst du weiter, so etwas habe ich ja noch nie gehört."
"Ich auch nicht", kommentierte Georg und prostete ihr zu, "Gehört schon in den Nachrichten mal, aber wirklich so einen Menschen kennen lernen ist was anderes..."
"Und du hast ihr geglaubt?"
"Aber je mehr sie erzählte, immer weniger, nur das konnte ich ihr schlecht sagen, sie war jedenfalls davon überzeugt, es begann mit Ahnungen, seltsamen Träumen, Psychotherapien, Hypnose Behandlungen, Nachforschungen, ihr Vater war ja schon verstorben, als sie darauf kam, im Internet entdeckte sie Betroffene, tauschte sich aus... wir redeten Stunden, Tage, einmal sagte ich, du hast doch gar keine Beweise, solche Täter sind doch geisteskrank, ist denn dein Vater sonst irgendwie auffällig geworden, gibt es Zeugen?"
Da schrie sie: "Das ist wieder einmal typisch, nicht der Täter wird beschuldigt, das Opfer soll sich erklären!"
"Na ja, ich verstehe dich schon, woher sollst du das wissen?" kommentierte Christa kühl, "aber ich möchte nicht wissen, wie viele Psychologen in unserem Land versteckte Kindesmissbräuche aufdecken, das ist ja auch für diese Psychologen sehr lukrativ..."
"Ich hörte von keinem wirklichen Beweis", sagte Georg... schwieg und fügte hinzu, "ich war irgendwie hilflos. Es könnte immerhin doch wahr sein."
Christa hörte zu und sie tranken noch zwei Schnäpse.
"Sie hat dich nun auch zu einem Täter gemacht", sagte Christa lakonisch.

Die letzte Wochen ihres Zusammenlebens hatten Bettina und Georg keinen Gesprächsstoff mehr. Er wollte ihr helfen eine Therapie zu machen, aber die hatte sie angeblich schon zur Genüge. Sie hätte damit abgeschlossen, aber schilderte ihre Opferrolle tagtäglich in entsprechende Internetforen, in denen Zweifler und auch Hinterfrager der Problematik beschimpft wurden, als wären sie selbst Täter. Täter und Opfer. Georg wollte sich an solchen Diskussionen nicht beteiligen... so nach und nach verstummten sie, natürlich war auch an diese abendliche Zeremonie des Gute-Nacht-Kusses nicht mehr zu denken...
Und nach einem guten halben Jahr lebten sie so... in einer Zweizimmerwohnung:
Das Schweigen legte sich über alles. Georg hatte bis dahin nie gedacht, dass Stille so spürbar sein kann. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Aber auch sonst verhielten sie sich betont ruhig. Beide. Bettina und er.
Sie saß fast immer in der Schlafstube am Computer, und er hielt sich in der Stube auf, lesend oder TV schauend.
"Ich möchte nicht mehr drüber reden mit dir", hatte sie abschließend gesagt.
"Na gut", hatte er geantwortet, "bist du halt eine Untermieterin hier, wir könnten ja vielleicht doch freundlich miteinander umgehen."
"Okay."
Er hielt das für eine Abmachung.
Durch sein steifes Bein fehlte ihm beim Laufen eine gewisses Gefühl beim Auftreten, und immer wenn er durch den Flur zur Küche oder ins Bad ging, gab es da eine Stelle, die laut knarrte, wenn er auftrat. Das störte ihn. Weil es sie vielleicht störte dort in der Schlafstube in der Internet Kommunikation...
Dann der letzte Abend.
Georg sah im TV einen Film über den großen Geiger Jascha Heifetz, der ihn sehr berührte. Plötzlich kam Bettina herein und setzte sich.
"Was guckst du?"
Er schaute sie an. Sie lallte.
"Einen Film über den Geiger Jascha Heifetz", sagte er.
"Aha."
"Ich schaue gern Filme über Musiker."
Er versuchte höflich zu sein.
Schweigen.
Zuschauen.
Sie brachten eine Solostelle aus einem Stück von Haydn. Heifetz spielte wie ein Gott.
Georg stiegen Tränen in die Augen.
"Weinst du?" hörte er plötzlich.
Er grinste.
"Entschuldigung, aber so was rührt mich."
"Ja", lallte sie, "so was rührt dich" und sie betonte das "so". Und sie ging hinaus.
Zehn Minuten später rief er vom Flur.
"Ich geh noch auf ein Bier."
Er trank zehn Guinness in einer Punk Kneipe im halb dunklen Licht bei lauten Gitarrenklängen aus den Lautsprecherboxen.
Warum ist mir das hier passiert, dachte er.
Ich würde ihr ja helfen, ich werde mir ihr reden, es kann nicht sein, dass sie sich mit wildfremden Menschen über solch eine Geschichte austauscht, aber nicht mit mir, ihrem Partner. Und dann dachte er, kann ich ihr helfen?
Als er heimkam, war sie verschwunden.
Er fand einen Zettel, "Du siehst mich nie wieder. Jetzt brauchst du nicht mehr fortgehen, um allein zu sein."
Er ging durch den Flur, trat achtlos auf die knarrende Diele - und war erleichtert.

"Wann war denn das?" fragte Christa.
"Vor einem Jahr", sagte Georg.
"Und nun hast du erst mal genug von den älteren Damen?" Christa grinste, "aber hör mal, wenn du abends allein auf ein Bier gehen möchtest, kannst du immer gern hierher kommen."
"Ja, ja", antwortete Georg und verabschiedete sich.
Auf dem Heimweg sah er über den Dächern am Ende der Straße einen Mond, der war so rund und groß und silbrig, wie er ihn noch nie gesehen hatte.
Als er seine Tür auf schloss, fiel sein Blick auf das Polizeisiegel an der Tür der toten Nachbarin.
Ihre Geschichte war zwar eine andere, aber auch so eine "Täter-Opfer-Scheißgeschichte", dachte er. Im Flur maunzte die Katze...


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45

27
Apr
2012

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Nackt in Ostberlin - eine Engländerin in der Sauna

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Sich frei zu fühlen, sich wirklich frei zu fühlen, hat auch etwas Haltloses und Zielloses, wie das Treiben in einem Boot über ein ruhiges Meer, getragen von einer Strömung irgendwohin. Die Ruder sind abhanden gekommen. Man kann sich auf die Planken legen, in den blauen Himmel schauen, wo auch Wolken genau so treiben, als wäre es eigentlich nicht wichtig wohin. Man kann sich ein Musikstück träumen und bei ein wenig intensiverer Fantasie sogar wirklich hören, vielleicht ein kleines friedliches Menuett aus dem 18. Jahrhundert von den üblichen Komponisten. Hunger und Durst kennt man nicht. Diese jämmerlichen Notwendigkeiten trüben eher das freiheitliche Gefühl. Man müsste sich ja kümmern... Nein, natürlich ist man absolut verantwortungslos und selig. Verantwortungslos in dem Sinne: man ist jede Verantwortung los. Wirklich frei.
Verantwortungslos heißt auch vom Ehrgeiz frei. Nicht gut für die Welt, aber auf jeden Fall gut für den Betroffenen.
Dass alles geht nur, wenn man alt ist, und das Leben voller Verantwortungen hinter sich gelassen hat. Das ist sehr schön. Ich kenne das Gefühl vor allem in der Sauna. Ich bin auch sonst alt, aber nicht immer wirklich frei und selig. Dort aber betrachte ich die übrigen Anwesenden und die wiederum mich eigentlich sehr distanziert, als säße jeder von uns auf einem anderen Stern der Seligkeit. Weltraumfahrer sind wir sozusagen.
Manchmal wundert man sich...

Letztens zog ich mich im Umkleideraum nackt aus, wie wir das so machen, die wir aus dem Osten kommen, nämlich ohne darüber nachzudenken, dass mich fremde Personen sehen... fremde anwesende Personen, welche ebenfalls die Sauna besuchen. Manche nennen das selbst verständliche Natürlichkeit der Leute aus dem Osten...
Im benachbarten Gang unterhielten sich eine Frau und ein Mann relativ laut im fließenden Englisch, dass ich nicht nur wegen meiner Schwerhörigkeit nicht verstand, sondern auch darum, weil es mich eigentlich nicht interessierte.
Ich ging an den beiden vorbei, die Treppe hoch zum Kaminzimmer, wo ich meine Zeitung; Brille und ein Handtuch ablegte. Da erschienen auch die Engländer und voller Verblüffung sah ich, die Frau trug einen Badeanzug. So etwas habe ich in der Sauna noch nicht gesehen. Und ich habe manches schon gesehen und erlebt in einer Sauna im Osten....
Einmal war ich allein mit einer Dame im Schwitzraum... wie immer funzelten nur ein paar Lampen milchig vor sich, die anderen waren offenbar defekt (im Osten), die Dame lag vor mir auf einer Bank - und masturbierte... ich meine, für sie war das vielleicht eine natürlich Handlung, ich in ihren Augen vielleicht ein fast nicht anwesender alter Mann, der unbeteiligt ins Dunkle blinzelte und schwitzte, warum sollte sie nicht masturbieren, auf dem Rücken liegend, die Hand zwischen den Beinen, sich streckend und dehnend, rhythmisch zuckend - das war doch alles natürlich, ging mich nichts an, ich fand irgendwie zu warm für so was, aber wenn sie es als angenehm empfand... gut und ihre Sache. Später im Kaminzimmer setzte sich die gleiche Dame zu mir an den Tisch und fragte doch, ob sie in meiner Zeitung lesen dürfte. Das empfand ich etwas belästigend und übergreifend und murmelte nur, die von dem Stapel können sie nehmen, die habe ich schon gelesen, den anderen nicht... irgendwie wurde sie unwirsch, erhob sich und sagte plötzlich, sie ginge jetzt in den Ruheraum - und errötete - ich antwortete, ja klar, den Zeitungsteil, den ich schon gelesen habe, lasse ich auf dem Tisch liegen... und kümmerte mich nicht weiter, wir im Osten sind halt natürlich...

aber nun diese Engländerin im Badeanzug, das war wirklich der Hammer, sie und ihr Begleiter standen in der Nachbardusche und redeten sehr laut und aufgebracht... schließlich verschwand sie in Richtung der Umkleideräume und kam wieder - ohne Badeanzug, nackt sozusagen - nun ja, sie hatte sich ein großes Handtuch um den Leib gebunden, aber keinen Badeanzug mehr an - im Schwitzraum saß sie dann wie alle anderen nackt im Halbdunkel, nur das Handtuch behielt sie um... ihre Sache, bei uns im Osten guckt doch eh keiner... wir sind da ganz natürlich.
Aber wenn sie wieder in ihrem England sein wird, wette ich, erzählt sie dann ihren Freundinnen, dass sie in Ostberlin in einer Sauna war - und ihre Freundinnen werden tuscheln und fragen - Nackt?
Und sie wird sagen - Natürlich.
An dem Tag hat ja auch keine aus dem Osten masturbiert... :-)
153

26
Apr
2012

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Die Alte und der wachsende Riese

Als die Alte aufwachte, regnete es. Schwere Tropfen trommelten gegen das Fensterglas. Die Balkontür stand offen. Dieser satte Sommerregen brachte kühle Luft in die bleierne Wohnung. Sie horchte und versuchte wieder einzuschlafen.
In den Trommelwirbel mischte sich ein helles Platschen. Sie dachte darüber nach, bis sie endlich darauf kam, dass der Regen schräg in den Balkon fiel. Das platschende Geräusch entstand, weil die Tropfen auf den Fliesen zerplatzten.
Die Alte müsste aufstehen und die Balkontür schließen, sonst floss das Wasser in die gute Auslegware. Doch sie fühlte sich gelähmt. Seit drei Tagen war sie im Bett liegen geblieben, weil sie sich gelähmt fühlte. Das Alter hatte sich in einen Riesen verwandelt, der auf ihrem Bauch und ihrer Brust saß und wuchs und wuchs. Und sie gewissermaßen platt und schwach machte.
Der Schatten der Katze strich an ihrem Bett vorbei. Wahrscheinlich war sie hungrig. Die Katze war wohl das einzige lebende Wesen, das von ihrer Existenz wusste.
Seufzend drückte die Alte den Riesen zur Seite und wälzte sich aus dem Bett. Sie ging ins Wohnzimmer und sah nach. Tatsächlich war die Auslegware an der Balkontür nass, dass es schmatzte, als sie mit nackten Füßen hinaus in den Regen lief. Sie streckte das Gesicht gegen den grauen Himmel und ließ sich waschen. Das Wasser war ganz frisch, aber nicht sehr kalt. Sie lächelte, weil sie etwas fühlte, was wie das Leben war.
Die Alte ging zurück und schloss die Tür. Dafür kippte sie die Fenster an, denn in der Wohnung war es immer noch warm. Die letzte drei Tage hatte die Sonne die Stadt in einen Backofen verwandelt.
Sie ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Ihre dünnen grauen Haare hingen nass an ihr herunter. Der Mund war eingefallen, weil sie ihr Gebiss nicht eingesetzt hatte.
Mit ihrer schmalen knochigen Hand strich sie die Haare ein wenig zur Seite aus der Stirn. Sie schaute in die großen dunklen Augen ihres Spiegelbildes und blickte ganz ernst. Ihre Augen blieben leer. Selbst die Angst flackerte nicht mehr in ihnen.
Sie öffnete die Schranktür und entnahm der Packung drei Tabletten. Diese hielt sie in der linken geschlossenen Faust, während sie sich umdrehte und nach dem Karton mit dem Katzenfutter griff. Sie schüttete den Futternapf voll.
In der Küche sah sie den Topf Suppe auf dem Herd und ihr fiel ein, dass sie sich vor zwei Tagen in der Nacht Suppe kochte und aß, bevor sie wieder im Bett verschwand. Vielleicht könnte sie sich später die Suppe noch einmal warm machen, hoffentlich war diese nicht sauer geworden.
Die Alte öffnete die Kühlschranktür. Dort stand die halbvolle Rotweinflasche. Sie drehte sich herum zum Hängeschrank und holte ein Glas heraus. In diesem Augenblick streifte die Katze ihre nackten Beine und fauchte irgendwie empört.
Erschrocken ließ sie das Glas fallen.
„Blödes Viech!“
Ihre eigene Stimme fauchte auch. Sie trat einen Schritt, um nach der Katze zu sehen, da schnitten die Scherben in ihren Fuß.
Die Alte schaute herunter auf das fließende Blut. Schwere Tropfen wie der Regen, nur dunkelrot, bildeten so nach und nach eine Lache.
Sie zog eine Schublade auf und holte ein Geschirrhandtuch heraus. Ächzend bücke sie sich und zog Glassplitter aus dem Fußballen, schließlich wickelte sie das Handtuch um den Fuß und verknotete es.
Die Katze ließ sich natürlich nicht mehr sehen. Jetzt trank die Alte den Rotwein aus der Flasche und spülte die drei Tabletten hinunter.
Humpelnd ging sie zurück ins Schlafzimmer. An der offenen Tür des Arbeitszimmers blieb sie stehen. Der Monitor des Computers glänzte so dunkel wie ihre Augen im Spiegel.
Die Alte ging ins Bett und das Alter, der Riese legte sich auf sie. Dieses Mal wollte er nicht sitzen. Wenn die Tabletten anfingen zu wirken, würde alles wieder gut sein.
Und sie könnte weiter schlafen mit dem Alter, dem wachsenden Riesen.
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