Wenn du ein Gegner von der Lebensweise des Menschen als Einzelwesen bist, musst du mir folgendes berichten: Wie hast du das glückselige Zusammenleben mit deiner Partnerin oder deinem Partner überlebt?
In diesen Zeiten der sozialen Verdüsterung unseres Landes hatte ich mich tapfer gehalten und mit Hilfe eines freundlichen Gutachters zum Frührentner gebracht. Natürlich war und bin ich bis heute noch wirklich krank und für ein Arbeitsleben nicht tauglich, aber schon lange war es nicht mehr selbstverständlich, von den Behörden auch so eingestuft zu werden. Deswegen werde ich für den Rest meiner Tage diesem Professor, der seinen Beruf als Arzt und Freund und Helfer der Menschen ernst genommen hatte, dankbar sein. Von dem Tage der Begutachtung an, war ich in ein angstfreies, schwereloses Dasein gelangt, ich hatte von nun an mein Auskommen als allein lebender Mensch, als Single.
Ich lebte in einer anständigen Wohnung, besaß genügend Kleidung, konnte mir ausreichend Essen und Trinken kaufen, sogar die kleine Schwäche des Rauchens leisten, und bei sparsamer Lebensweise einmal im Jahr in den Urlaub reisen. Ich flog auf den wunderbarsten Kontinent, den unsere Erde zu bieten hat, ich flog nach Afrika.
Elf Monate im Jahr hielt ich mich mit allerlei unnutzes Tun auf dem Laufenden des Alltäglichen in Deutschland und seiner größten Stadt. Und dann kam dieser Monat, für den sich das lange Ausharren gelohnt hatte. Der erste Tag: Das langsame Rollen auf der Startbahn, das lauter werdende Grollen und Vibrieren, als zerre der Flieger an Stahlseile, die sich dehnen wie Gummibänder, bis ich dann endlich aus dieser Welt katapultiert weich wie eine Feder auf den Boden der anderen landete.
Der letzte Tag endete stets mit einem harten Aufsetzen des Fliegers auf der Betonbahn in Tegel, als hätte mich der Herrgott persönlich mit einem derben Fußtritt aus dem Paradies gestoßen, und Berlin erwartete mich im kalten Regen.
Ich brauchte jedes mal einige Wochen, um mich an das graue Dasein zu gewöhnen.
Wieder einmal war ich mit schweren Koffern an den Händen auf die dritte Treppe meines Wohnhauses angelangt, als meine ältere Nachbarsfrau gerade im Begriff war, ihre Wohnung zu verlassen, um einzukaufen. Normalerweise beschränkte sich unser Kontakt im flüchtigen Grüßen, obwohl wir schon zehn Jahre Seite an Seite wohnten.
„Ah, guten Tag, Herr Nachbar, Sie kehren gerade von einer Reise zurück?“
„Ja, Sie haben mich wohl vermisst?“
Die Alte kicherte.
„Ach, Sie Schelm, Sie vermisse ich immer, schon weil sie jeden Nachmittag Klavier spielen, fällt es mir auf, wenn ich plötzlich meine Tasse Kaffee ohne Klavierkonzert trinken muss.“
Während ich nach dem Schlüssel in den Manteltaschen suchte, wartete die Nachbarin neugierig. Ich stutzte und hörte:
„Sie sind aber braun, das fällt richtig auf hier unter lauter Bleichgesichtern.“
Ich stutze weiterhin. Meine alte Nachbarin ließ sich nicht aus dem mir völlig ungewohnten Redefluss bringen.
„Waren sie wieder in Ihrem Afrika?“
Endlich hatte ich den Schlüssel gefunden. Ich lächelte der Nachbarin zu, sie hatte ungefähr das Alter, dass meine Mutter haben würde, würde sie denn noch leben.
„Ja, ja, das ist so, ich war in Kenia, Afrika ist ja ein Kontinent.“
Ich fummelte am Schloss.
„Hi, hi, in Europa sind auch nicht alle Länder gleich.“
Meine Nachbarin wartete. Ich hielt inne und schaute sie an.
„Richtig.“
„Wobei wir ja von den Europäern sprechen und den Afrikanern, nicht wahr, es muss also europäische und afrikanische Merkmale geben.“
Das war nach zehn Jahren die längste Unterhaltung, die ich mit meiner Nachbarin führte.
„Na, ja, die verschiedenen Mentalitäten werden schon einen Europäer von einem Afrikaner unterscheiden, aber das ist schwierig, wollen Sie einen Deutschen mit einem Italiener vergleichen? Statistische Erhebungen helfen da nicht weiter.“
„Nein, nein, aber Deutsche und Italiener haben eine Gemeinsamkeit gegen über Afrikaner aus verschiedenen Ländern wie...“
Sie suchte nach Worten.
„Kikuyus und Kongolesen.“
Ich grinste.
Meine Nachbarin drohte mir scherzhaft mit dem Finger.
“Sie machen sich doch nicht etwa lustig über mich?“
„Nun Deutsche und Italiener sind weiß, obwohl die Italiener eine leichte Bräunung aufweisen, die Afrikaner sind alle schwarz, aber eigentlich doch nicht, ein Kikuyu ist mehr kaffeebraun und ein Masai richtig schwarz.“
„Und jetzt sind Sie ein wenig ein Italiener?“
Ich lachte. Musste ich erst nach Afrika verschwinden, um zu entdecken, dass meine Nachbarin Humor hatte?
„Nicht lange, in zwei Wochen bin ich wieder richtig weiß, deutschweiß, und dann fange ich auch an Klavier zu spielen.“
„Tse, Tse.“
Meine Frau Nachbarin stieg die Treppe hinab. Einen Treppenabsatz weiter unter hielt sie inne und schaute zu mir hoch.
„Das hört sich ja fast so an, als ob sie aus Verzweiflung über die deutschen Verhältnisse Klavier spielen?“
Sie lächelte ein spitzbübisches Alte- Frauen- Lächeln. Verdammt, sie erinnerte mich an meine Mutter.
„Wenn die Dias von meiner Reise fertig sind, kommen Sie mich einfach besuchen und schauen Sie sich diese an, vielleicht verstehen Sie dann besser, warum ich Klavier spiele.“
„Aber gern.“
Kopfschüttelnd betrat ich meine Wohnung. Sie roch nach kaltem Zigarettenrauch, und ich lüftete lange.
Vier Wochen später war ich blass genug geworden, um wieder regelmäßig Klavier zu spielen und ging auch davon aus, dass ich mit meiner Nachbarin kein längeres Gespräch von Tür zu Tür mehr führen werde, geschweige denn, dass eine von uns den anderen in seiner Wohnung besuchen würde.
Da klingelte es. Ich öffnete die Tür.
„Guten Tag, Herr Nachbar.“
„Guten Tag.“
Meine Verwunderung wuchs, als sie sich nach den Dias erkundete, für mich war die Erwähnung derselben einen Monat zuvor doch eigentlich nur eine Höflichkeitsfloskel gewesen. So gestand ich verwirrt, dass die Dias fertig eingerahmt waren, und ich sie mir bereits angesehen hätte. Natürlich könne sie am Abend mich besuchen, bemerkte ich, und wir könnten dann auch noch einmal gemeinsam die Dias anschauen. Ob ich auch wirklich nichts dagegen hätte, fragte sie. Nein, sagte ich.
„Na, dann bringe ich uns auch ein schönes Likörchen mit“, sagte sie.
Ich trank ein kaltes Bier zum Likör und zündete mir eine Zigarette an.
Während ich den Apparat aufbaute und den Lichtstrahl an der weißen Wand ausrichtete, erfuhr ich von meiner Nachbarin, dass sie noch vor sieben Jahren Deutsch und Englisch unterrichtete, nun aber die wohlverdiente Rente genoss, im Gegensatz zu mir, sogar altersbedingt.
„Dann beherrschen Sie wohl die englische Sprache?“
Na ja, schon, räumte sie ein, aber sie wäre noch nie in einem Land gewesen, in dem die Menschen englisch sprächen, ihr Englisch wäre also mehr ein reines Schulenglisch.
Aber, gab ich schmunzelnd zum besten, dann nur auf nach Afrika, nach Kenia, dort ist neben Suaheli das Englisch eine gleichberechtigte Amtssprache, die Menschen sprechen dort das Englisch genau so gut wie die Engländer selbst.
Während sie mehrere „Likörchen“ nachschenkte, führte ich meine Bilder vor. Die pensionierte Lehrerin zeigte sich sehr neugierig, sie wollte schlichtweg alles wissen, das Bild eines jungen Afrikaners, der im Schatten einer Wellblechhütte in Malindi die Mittagshitze verschlummerte, musste ich ihr mehrfach zeigen. Eindringlich fragte sie mich über meine Ansichten aus, welche das Leben und die Traditionen der Menschen dort am Indischen Ozean betrafen. Ich erzählte ihr ein wenig verwundert das, was ich als wahr einschätzen konnte.
Schließlich schaltete ich den Bildwerfer aus.
„Was fasziniert Sie so an Afrika?“
Meine Nachbarin goss mir bereits den fünften oder sechsten Anislikör ein und vergaß sich dabei selbst nicht.
Ich sah dem Qualm meiner dritten oder vierten Zigarette nach und probierte einige Antworten aus.
„Nun, es ist natürlich das warme Wetter, die Helligkeit.“
Hm, meine Nachbarin schaukelte nachdenklich mit dem Oberkörper.
„Die Landschaft, die Tierwelt...“
„Tse, Tse.“
Meine Nachbarin unterbrach mich.
„Dann, die entwaffnende Freundlichkeit, ja Heiterkeit der Menschen, ihre große Toleranz.“
Die Lehrerin schaute mich prüfend an.
„Toleranz? Wie meinen Sie das?“
Ich erörterte ihr kurz meine Ansichten über die deutsche Mentalität, die darin gipfelten, dass man dieselbe aus der Intoleranz erklären könnte. Dann schilderte ich ihr den Takt, die Höflichkeit, den Respekt voreinander, meine Ansichten über die afrikanische Mentalität eben, die vor allem aus der Toleranz kämen. Ich verschwieg nicht das friedliche Miteinander der Moslems und Christen in den Orten an der Küste des Indischen Ozeans. Schließlich erwähnte ich kurz den Unterschied zwischen Männern und Frauen; in Kenia wäre man nicht Anhänger der absurden Idee ihn aufzuheben, indem die Frauen nun männliches Verhalten an den Tag legten und umgekehrt die Männer zu Frauen würden.
Das veranlasste meine Nachbarin noch je ein Likörchen einzuschenken und von sich zu erzählen.
Sie durchlebte in ihrer Jugend eine kurze leidenschaftliche Liebesgeschichte, die sich durch den plötzlichen Tod ihres Verlobten in Nichts auflöste. Über diesen hinaus hielt sie dem Manne die Treue und ging ganz in ihrem Beruf auf, bis sie verblüfft feststellte, alt geworden zu sein für solche Geschichten, wie sie es nannte.
„So sind wir beide also bekennende Singles.“
Mit diesen Worten hob ich das Glas und lächelte ihr zu.
Nun ja, gab sie unsere Gemeinsamkeit zu, und schränkte sie doch auch wieder ein.
„Wenn man von den gelegentlichen Damenbesuchen absieht, die in regelmäßigen Abständen zu abendlichen Stunden bei Ihnen stattfinden.“
Das wäre wirklich nur gelegentlich, beteuerte ich rasch, und keine ernsthafte Gefährdung meines Singledaseins, sondern wie sie es so trefflich nannte, eben Stundenbesuche. Schmunzelnd fand sich meine Nachbarin bereit, das Thema zu wechseln und zu der Plauderei über Afrika zurückzukehren.
„Was war denn eigentlich der glücklichste Moment ihrer Reise?“
Ihre Frage brachte mich zum Nachdenken.
„Wissen Sie, wenn wir ein gutes Leben führen, reihen sich die Glücksmomente wie Perlen an einer Schnur, die wir um den Hals tragen.“
„Und was befindet sich zwischen den Perlen?“
„Die Schnur, als Bild für die Zeit des Wartens, manche sind da unglücklich.“
Sie schmunzelte.
„Wer das Glück nicht kennt, kennt auch das Unglück nicht. Erzählen Sie von einer Perle.“
Ihr bohrender Blick brachte mich zum Lächeln. Da ich es eventuelle mit einer alten Jungfer zu tun hatte wählte ich eine harmlose Erinnerung aus, die sie nicht verstören sollte.
„Erinnern Sie sich auf einem Bild sah man ein recht seltsames Boot mit einem Flachdach wie ein offenes Häuschen?“
„Aber ja, und ich sah einen lachenden Neger auf dem Boot.“
„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie korrigiere, aber man bezeichnet die Afrikaner schon lange nicht mehr als Neger, viele empfinden das sogar als rassistisch.“
Meine Nachbarin, die alte Lehrerin, errötete.
„O, das soll mir aber nicht noch einmal passieren, wahrscheinlich habe ich zu viel Thomas Mann gelesen!“
Sie lachte lauthals, die alte Dame verzog keine Miene.
„Nun, ich warte auf ihre Perle.“
Dort in der Nähe von Malindi war das Wasser des Indischen Ozeans sehr warm, achtundzwanzig bis dreißig Grad, die Lufttemperatur näherte sich vierzig Grad im Schatten, im prallen Sonnenschein wurden sicherlich sechzig Grad erreicht. Die kleinen Boote waren für wenig Geld zu mieten, und die Eigner fuhren über die flache See zu den Korallenbänken. Durch ein Fenster auf dem Boden des Bootes konnte man die Korallen und die vielen bunten Fische beobachten. Der Besitzer hatte das Boot fest gemacht und lockte die Fische mit Brot. Wenn man selbst tauchte, hatte man sogar die Gelegenheit ab und an einen Fisch mit bloßen Händen berühren. Ein lebendes Wesen aus der Welt der Luft hatte im Kontakt mit einem lebenden Wesen aus der Welt des Wassers, gewissermaßen eine ungewöhnliche Begegnung der außerirdischen Art, obwohl ja beide der Erde angehörten.
Die Erinnerung überkam mich, wie ich erschöpft auf dem Dach des Bootes lag, und die Augen schloss, als es auf die Rückfahrt ging. Binnen kurzer Zeit erwärmte sich mein Körper, ohne dass ich ins Schwitzen kam, denn ein lauwarmes Windchen trocknete mich.
Und da entdeckte ich das leuchtende Rot durch die geschlossenen Augenlider gegen die gleißende Sonne gewandt. Es muss mein eigenes Blut gewesen sein, dass in mir strahlte. Dieses leuchtende Rot hatte dereinst der Maler van Gogh in der glühenden Sonne Südfrankreichs auf die Leinwand gebannt. Es war genau genommen die Farbe des Lebens überhaupt, die ich in diesem Moment der Körperwärmung um wenige Zehntel Grad über das Übliche in mir selbst entdeckte, ein Moment, der in meiner Erinnerung hoffentlich bis an das Ende meines Lebens bewahrt bleibt.
Meine Nachbarin lächelte.
„Danke, ich kann das Nachfühlen.“
„Sie müssen es selbst erleben.“
Sie verabschiedete sich, nicht ohne ermahnend den Zeigefinger zu heben, eine neckische Geste, die man wohl dem „Likörchen“ zurechen musste.
Zwei Monate später klingelte sie eines Tages wieder an meiner Tür und zeigte mir mit ihrem mir schon gewohnt spitzbübischen Lächeln die Papiere eines Reisebüros mit den Flugtickets nach Kenia und zurück.
Wohin es denn ginge, fragte ich sie. Nach Watamu, verriet sie mir, o ja, gab ich meinen Kommentar, Watamu Beach, ein Paradies auf Erden, ihre Augen funkelten, während sie mir zuraunte, Turtle Bay, ganz in der Nähe, und somit gehörten wir beide der Verschwörung der Afrikaliebhaber an.
Meine Nachbarin klingelte in den nächsten Wochen noch des öfteren, um sich mit wertvollen Hinweisen und Tipps zu informieren. So erfuhr sie unter anderem von mir, dass sie sich für die Safari nach Masai Mara nicht extra mit einem teuren Tropenhelm hier in Deutschland ausrüsten müsste, man kann sie nämlich billig vor Ort erwerben.
Zwei Monate hörte und sah ich nichts von ihr. Während ich gierig hier in Deutschland die einzelnen Sonnentage genoss wie ein Durstiger die Gläser Wasser hin und wieder, dachte ich mit Neid an sie, bis ich sie beinahe vergaß.
An einem Sonntag abend lag ich auf der Couch und las einen Roman von Balzac über die seltsamen Irrwege der Liebe und der Täuschungen im Leben der Menschen, als ich vom Hausflur her ein Rumpeln hörte. Und schon klingelte es.
Meine Frau Nachbarin stand vor der Tür, im braunen Gesicht das vertraut verschmitzte Lächeln, vor ihrer Tür entdeckte ich zwei große Koffer, andere, als sie vor zwei Monaten mit auf die Reise nahm, größer, viel größer.
Die beiden Koffer hielt ein mittelgroßer schlanker und schöner junger Mann an den Händen. Er lachte mich an, so dass ich fast im Reflex zurücklachte. Der Mann war ein Afrikaner und vielleicht im möglichen Alter meines Sohnes, wenn ich denn einen hätte.
Ich schaute ihn an, schaute die Nachbarin an. Der junge Mann lachte unentwegt, und ich entschied mich anzunehmen, der Taxifahrer, der sie vom Flughafen herbrachte, war wie aus einem Zufall ein Afrikaner, der in Berlin lebte.
„Es freut mich, Sie gesund und wohlbehalten wieder hier zu sehen.“
„Ja, gesund und wohl und – nicht allein.“
Das hörte sich so an, als wäre der junge Afrikaner nicht ein Taxifahrer. Also, guckte ich meine Nachbarin im Alter meiner Mutter, wenn sie denn noch leben würde, in die graublauen Augen und äußerte ein:
„Aha.“
Danach guckte ich ihrem Begleiter in die dunkelbraunen Augen. Über das Lachen der Afrikaner haben sich von viele Menschen geäußert. Nicht nur der Mund lacht, auch die Augen, und diese auf eine ganz gewisse Art: Sie laden den Gegenüber ein mit ihm zu lachen und nicht etwa über irgend jemand, ein freundlicher Friedensbeweis und Willkommengruß.
„Jambo. Habari yako.“
“Sijambo. Mzuri sana.”
Meine Nachbarin runzelte etwas die Stirn, und ich schaute sie fragend an, denn eine Erklärung wäre jetzt zu erwarten gewesen. Sie beugte sich vor.
„Ich habe ihn in Kenia geheiratet, Sie verstehen, das ist mein Mann.“
In den meisten Fällen habe ich mich in solcher Art von überraschenden Situationen total unter Kontrolle, so dass wahrscheinlich nur meine runden Augen ein Erstaunen ausdrückten.
„Dürfte ich fragen, wie Ihr Mann heißt?“
„Samuel.“
Ah ja, murmelte ich und spielte etwas den Zerstreuten, indem ich mir meine Lesebrille wieder auf die Nase setzte.
„Ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise.“
„Aber ja, sehr gut, ich liebe Afrika“, sagte meine Nachbarin und lächelte erleichtert.
„Uko salama?“
„Niko salama pia.“
Samuel lachte unentwegt. Ich lachte auch.
„Um Gottes Willen, sprechen Sie englisch, ich verstehe kein Wort.“
Ich hatte natürlich nicht vor, meine Nachbarin in eine hilflose Lage zu bringen, als würde ich mit ihrem jungen Ehemann etwas bereden wollen, von dem sie nichts wissen dürfte.
„Welcome in Germany.“
Und Samuel schien die Nöte seiner Angetrauten zu verstehen.
„Thank you, very much”, sagte er.
Ein Karibu und Augenzwinkern konnte ich mir nicht verkneifen, und Samuel gab mir auch das Asante zurück.
„It’s enough:“
Die pensionierte Lehrerein spielte die Verzweifelte und öffnete ihre Wohnungstür und schob den Ehemann Samuel in die Wohnung.
O wonderful, hörte ich noch seine erstaunte Stimme, bevor die Tür sich hinter ihnen schloss.
Ich ging zurück in meine Wohnung und legte mich auf die Lesecouch, aber es gelang mir nicht, mich auf Balzac zu konzentrieren.
Einen Monat hörte ich jeden Morgen und jeden Abend Lustschreie aus der nachbarlichen Wohnung. Und es handelte sich um eine Frauenstimme, welche durch die dicken Mauern drang.
Einmal hatte ich gerade um die Abendzeit Besuch von einer Kleinen, und sie lauschte einige Minuten und sah mich schweigend mit großen Augen an.
Ich erklärte ihr, dass meine Nachbarsleute ein frischgebackenes Ehepaar wären, die sich im Honeymoon befänden. Aus taktischen Gründen verschwieg ich den enormen Altersunterschied, was sich erfreulich verhielt. Die Kleine geriet in eine Art rasenden Liebestaumel, ungeachtet, dass ich in ihren Augen doch ein alter Mann sein müsste, beglückte sich mich ebenfalls mit Lustschreie, als wirkte die Nachbarsfrau stimulierend auf sie.
Und unsere dritte Etage war an diesem Abend der Ort eines brünstigen Glücks.
Eine Stunde später geleitete ich die Kleine zur Tür, und sie drückte aus Versehen als erstes den Klingelknopf der nachbarlichen Wohnung und danach den Lichtschalter.
Die Nachbarin öffnete im dunkelrot seidenen Hausrock die Tür, neben der Alten stand der jugendliche Gemahl im freien Oberkörper, schwarzglänzend und muskulös.
Meine Kleine drehte sich um und stammelte einen Gruß, danach bedachte sie mich mit einem Blick des blanken Entsetzens, um die Treppe anschließend beinahe hinabzustürzen.
Ich schaute ihr amüsiert hinterdrein und hob meinen Blick an, bis er aufs Samuels lachende Augen traf.
„Je mko mume na mke?“
Ehe ich mir richtig klar wurde, dass seine Frage die flüchtige Kleine und mich betraf, antwortete Frau Nachbarin statt meiner lachend:
„Hapana.“
Ich schmunzelte in mich hinein: Die Greisin war in ihrer Ehe offenbar auf eine Stufe angelangt, nun auch Suaheli zu lernen. Aber, sie hatte auch das Deutsch nicht verlernt, wie sie mir anschließend gleich danach bewies.
„Nicht wahr, Sie sind nicht der Ehemann dieses netten jungen Mädchens, oder es vielleicht nur für eine Stunde gewesen, der Moment ihres Glücks.“
Ich erwiderte ihr lächelnd, dass Glück wie ein Blick in die Sonne, für mich immer nur für einen Moment haltbar wäre, ansonsten liefe man Gefahr am Glück zu verbrennen. Daraufhin wurde sie ungewohnt ernst und bot mir an, nun ihrerseits mit Samuel gemeinsam die Fotos aus Afrika zu präsentieren, allerdings keine Dias, sondern Papierbilder, denn es wäre wohl an der Zeit. Mir entging nicht bei diesem Angebot der erschöpfte Ausdruck in ihrem Gesicht, und ich bot ihr an, wieder meine Wohnung zu nutzen, diesmal für den Zwecke ihres Fotoberichtes, denn ich rauche nun leidenschaftlich gern, sie aber wäre Nichtraucherin und, wie ich vermutete, Samuel auch. Dieser legte liebevoll den Arm um die Schultern seiner Gattin und antwortete lachend: „Ndio“ ja, als wenn er schon ein wenig Deutsch verstand.
Also dann, sagte ich, wäre es nur noch die Frage, wann. Morgen, fragte sie. Aber gern, antwortete ich.
„Ich bring auch wieder ein Likörchen mit“, antwortete sie und kicherte.
Auch Samuel trank ein Bier zum Likör, während er lächelnd neben seiner angetrauten Greisin auf der Couch saß, liebevoll ihre Hand hielt, und ich ohne Scham rauchend, im Sessel sitzend, mir die Fotos anschaute, die mir die Nachbarin erklärend herüberreichte.
Natürlich war auch ein Foto eines Bootes mit einem flachen Dach dabei, und ich entdeckte staunend den lachenden Samuel auf dem Boot. Er arbeitete dort als Helfer für den Besitzer, und meine Nachbarin kannte ihn schon ein paar Tage vom Bad in der Sonne am Strand.
Auf dem Dach des Bootes erlebte auch sie, wie einst ich, das leuchtende Rot des Lebens und entschloss sich in diesem Moment einfach auf ihr Herz zu hören und ohne zu fragen, warum, Samuel die beteuerte Liebe zu glauben und ihm zu folgen zu einem Besuch in sein Dorf.
Nun folgten Bilder von einem afrikanischen Dorf mit seinen runden Lehmhütten strohbedeckt und zahlreichen lachenden Menschen und einem blinden Hund.
Staunend betrachtete ich eine junge bildhübsche Afrikanerin mit einem Säugling auf dem Arm und einem Kleinkind an der Hand.
Das wäre Samuels afrikanische Frau und seine Kinder. Samuel lachte.
„Niko na jamii kubwa karibu na mji wa Mombasa.“
Meine Frau Nachbarin lachte ebenfalls.
„He has a big family near Mombasa.”
Samuel besaß als eine große Familie in der Nähe von Mombasa. Nun wusste ich es. Und erfuhr, nun schon beim fünften oder sechsten Likör angelangt, und etwa die dritte oder vierte Zigarette rauchend, dass die gesamte Familie in großer Eintracht den Beschluss gefällt hatte; Samuel heiratete seine geliebte weiße Frau und ging mit ihr nach Deutschland. Natürlich versorgte meine Frau Nachbarin mit monatlichen Zuwendungen die gemeinsame Familie, zu der sie nun auch gehörte, von ihrer nach kenianischen Verhältnissen beträchtlichen Pension.
„Das Glück auskosten so lange es geht, ich habe ein Leben lang gewartet.“
Meine Nachbarin flüsterte. Die Hand, die das Likörglas hob, zitterte etwas.
Mko na furaha lakini, fragte ich Samuel, nämlich, ob er denn auch glücklich wäre, was er strahlend bejahte.
Wieder zwei Monate später überschlugen sich die Ereignisse an einem gewöhnlichen Wochentag des Nachmittags. Ich spielte Klavier, als die Klingel mich unterbrach.
Samuel stand aufgeregt gestikulierend und in scheinbar allen Sprachen der Welt durcheinander sprechend, und ich folgte ihm in die Wohnung meiner Nachbarin, die ja auch seine war.
Da lag sie im seidenen dunkelroten Hausrock mit einem sehr friedlichen Gesichtsausdruck und war so tot, wie es toter nicht ging.
Natürlich kümmerte ich mich um Samuel wie um einen Sohn, wo ich doch selbst keinen besaß.
Am Ende standen wir im deutschen Regen gemeinsam am Grab meiner Nachbarin, und Samuel weinte. Ich aber wurde nachdenklich und bin es eigentlich heute noch.
Samuel erbte ein nach kenianischen Verhältnissen sagenhaft großes Vermögen, denn meine Nachbarin hinterließ keine deutsche Familie.
Ihre afrikanische Familie aber lebt bis heute glücklich. Sie kauften sich ein kleines Hotel in der Nähe von Mombasa, von Malindi, in Turtle bay, um es genau zu sagen, direkt am Indischen Ozean.
Ich fliege einmal im Jahr dorthin in den Urlaub und suche den Moment des Glücks: Das leuchtende Rot.
HARFIM - 12. Jan, 14:41